Sybille Bedford
Zu Besuch bei Don Otavio
Die zwischen den Flüssen liegende Insel Manhattan ist keine Durchgangsstation, sondern ein Sackbahnhof. New York mit der Eisenbahn zu verlassen hat etwas vom Krebsgang an sich. Unser Fahrtziel liegt im Südwesten, aber wir müssen die Stadt in nördlicher Richtung unterfahren. In der 96. Straße taucht man an die Oberfläche. Der Saint-Louis-Expreß rollt über dem Straßenniveau auf einer Art Rampe dahin wie eine Hochbahn. Harlem. Bahnhof 125. Straße, dieser absurde, kleine, wellblechüberspannte Haltepunkt dicht über den Dächern der Häuser. Die Straßen der einfachen Leute. Niedrige Backsteinhäuser, in den Fenstern Wäsche zum Trocknen, Männer in Unterhemden, die den langen Abend schwitzend in Zimmerenge erdulden. Drunten auf dem Straßenpflaster Kinder, die wie eh und je über Kreidekreise hin und her hüpfen. 205. Straße. Ein Mann rasiert sich am offenen Fenster. Wenn man mit dem Schiff
reiste, würde man jetzt den Hudson hinunterfahren. Man würde die Geräusche der Schiffe und des Flusses hören. Vielleicht läge die Queen Elizabeth im Hafen. Man würde an Werften, Docks und Speichern vorübergleiten und die Namen von Überseedampfern lesen, die nach Rio und nach China gehen. Man würde das Meer riechen und Fernweh bekommen. Dann würde man die Battery passieren und die berühmte Skyline erblicken, gerade wenn die Lichter aufgehen.
Das wäre das New York der glanzvollen Silhouette, nicht das New York der trübseligen Einzelheiten, und vermutlich hätte man Tränen in den Augen. Immerhin, man fühlt sich recht behaglich. Und ungestört. E. und ich hatten es fertiggebracht, ein Schlafabteil für uns allein zu bekommen. Sie kosten nur etwa einen Dollar mehr als ein Platz im gemeinsamen Schlafwagen, sind aber sehr schwer zu ergattern. Endlich unterwegs. Ich holte ein Fläschchen Gin heraus, eine Thermosbox mit Eiswürfeln, etwas Angostura und aus einem Lederetui die Woolworth-Gläser, die längst die silbergefaßten, geschliffenen Reisebecher abgelöst haben, mit denen unsere Vorväter durch eine bessere Welt gereist sind, und mixte uns zwei große pink-gins.
»Hat der Junge von Bellows ein Trinkgeld bekommen?« fragte E.
»Von mir nicht. Hast du Mr. Holliday das Buch zurückgegeben?«
»Oh, nein. Wie peinlich.«
»Jetzt können wir daran nichts mehr ändern.«
Wie erholsam, endlich frei zu sein! Wir waren in anonymen und, wie man voraussetzte, fähigen Händen, in denen der Great Eastern and Missouri Railroad. Die nächsten vier Nächte und fast vier Tage. Vier Stunden aufrecht auf einem Platz im Zug zu sitzen ist langweilig; acht Stunden sind verdammt lang, zwölf entsetzlich. Ein gradueller Unterschied ist ein wesentlicher Unterschied: Vier Tage auf der Bahn sind ein Waffenstillstand mit dem Leben. Und immer gibt es etwas zu essen. Ich hatte einen Korb und einen Karton vollgepackt.
...
Zu unserer Reise hatten wir uns im letzten Augenblick entschlossen. Ich war überhaupt nicht auf Mexiko vorbereitet. Ich hatte nicht damit gerechnet, jemals nach Mexiko zu kommen. Ich hatte ein paar Jahre in den Vereinigten Staaten verbracht und war im Begriff, nach Europa zurückzufahren.
Ich hatte großes Verlangen nach einer Ortsveränderung, wollte eine andere Sprache hören, neues Essen kennen lernen; wollte in einem Land mit einer langen, häßlichen Geschichte und so wenig Gegenwartsgeschichte wie möglich leben. Kurzum, ich sehnte mich danach zu reisen.
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Aus dem Englischen von Christian Spiel
(c) der deutschsprachigen Ausgabe: SchirmerGraf Verlag München 2007