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Der blaue Cinquecento

Im Frühjahr 1972 war ich gerade zwei Jahre alt. Normalerweise sind die Erinnerungen an dieses Alter ausgelöscht. Lebendig bleiben wahrscheinlich nur die intensiven Gefühle, wie man sie bei einer Karussellfahrt, vor Fischen im Aquarium, bei einer bestimmten Geste empfunden hat, wenn man geschimpft wurde oder sich besonders gefreut hat.
   Ich habe zwei Erinnerungen an die damalige Zeit: an den 14. Mai, einen Sonntag, und diese Erinnerung ist unscharf. Sie besteht aus einem starken, schönen Gefühl, und es ist das einzig Fassbare, Reale, das ich von meinem Vater habe. Und ich erinnere mich an einen  Mittwochmorgen, den 17. Mai, an dem er getötet wurde. Diese Erinnerung ist klar, detailliert und genau. 

   Als Kind packte ich sie weg, tat sie gleichsam in eine Schachtel, um sie auf diese Weise die Zeit meines Heranwachsens überdauern zu lassen. In meinen Gedanken schuf ich einen besonderen Raum dafür, um sie unversehrt bewahren zu können. Ich behielt sie lange ganz für mich allein und holte sie nur nachts heraus, im Dunkeln vor dem Einschlafen, mit großer Behutsamkeit, um sie nicht zu beschädigen. Später erzählte ich meiner Mutter davon, aber da war ich schon auf dem Gymnasium, und erst während der Prozesse sprach ich offen über die Erinnerung an den Tag, an dem mein Vater starb. Bis ich bemerkte, dass sie durch das wiederholte Erzählen zerfiel wie ein Film, den man zu oft angesehen hat: Das Bild verschleißt, die Einzelbilder gehen verloren. Also schuf ich Abhilfe und tat sie ins Archiv zurück, bestrebt, sie dadurch zu retten. Aber es war wohl zu spät dafür, und heute hat sie einen Teil jener überwältigenden Kraft verloren, die sie über zwanzig Jahre lang für mich besaß.Die andere dagegen hält stand. Sie erinnert mich daran, dass ich sein Sohn bin.
   Die Schüsse trafen meinen Vater am Morgen, um 9.15 Uhr, als er die Wagentür des blauen Cinquecento meiner Mutter aufschloss. Papa hatte gerade das Haus verlassen, nach einigem Hin und Her, das ihn mehrmals hat umkehren lassen. Beim ersten Mal hatte er sein Haar
in Ordnung gebracht, beim zweiten Mal die Krawatte gewechselt. Die rosa Krawatte, mit der er zuerst weggegangen war, legte er ab und band stattdessen eine weiße um. Mama, die ihm kopfschüttelnd zusah und sich über ihn lustig machte, entgegnete er: »Die hier ist mir lieber, denn
weiß ist die Farbe der Klarheit.« Sie schloss die Tür hinter ihm, ohne diesen Worten Bedeutung beizumessen, denn sie wartete auf eine Frau, die eigentlich schon hätte da sein müssen. Mama kannte sie noch nicht, aber sie sollte ihr von diesem Tag an zweimal die Woche im Haushalt
zur Hand gehen, bei zwei Kindern und einem dritten, das bald kommen würde, war Mama die Arbeit zu viel geworden. Die Frau traf verspätet ein. Sie war außer Atem: »Signora, tut mir leid, aber unten auf der Straße ist der Teufel los: Ein Kommissar ist angeschossen worden.«
   In dem Buch, das meine Mutter 1990 veröffentlicht hat, schilderte sie diesen Augenblick folgendermaßen: Wir wollten gerade in die Küche gehen. Paolo, noch im Pyjama, war in seinem Laufställchen, Mario lief mit seinem Spielzeug durch die Wohnung. Ich wurde blass, setzte mich
und spürte, wie der drei Monate alte Fötus in meinem Bauch bis zum Magen hoch sprang. Die Frau holte rasch ein Glas Wasser: »Signora, ist Ihnen übel? Was haben Sie?« »Ein Kommissar,
sagen Sie? Ein Kommissar ist angeschossen worden? Aber mein Mann ist doch Kommissar.« »Jetzt rufe ich im Polizeipräsidium an, bei meinen Mann, damit ich weiß, was los ist«, sagte ich, wählte und fragte nach Gigi. »Einen Moment bitte, ich stelle durch«, sagte der Telefonist, und gleich darauf meldete sich jemand. »Ist Doktor Calabresi da? Hier ist seine Frau«, sagte ich. Am anderen Ende der Leitung ein kurzes Zögern, und dann: »Er ist noch nicht eingetroffen, Signora. Keine Sorge, sobald er da ist, ruft er Sie zurück.« Sie wussten bereits, dass er tot war. Ab diesem Moment war mein Telefon stumm, sie hatten es abstellen lassen. Ein paar Mal versuchte ich noch, im Polizeipräsidium anzurufen, aber die Leitung war tot.
Im Gegensatz zu den von düsteren Gedanken und Vorwarnungen erfüllten vorangegangenen Wochen schien Mama nun nicht wirklich wahrhaben zu wollen, dass es tatsächlich passiert war. Noch erfüllte sie eine irrationale Hoffnung.
   Bis es klingelte. Sie ging zur Tür und öffnete. Vor ihr stand Signor Franco Federico, ein mit Großvater befreundeter Schneider, der in der Nähe wohnte. Ein Mann, der großen Mut bewies, als er aus echter Freundschaft eine der undankbarsten Aufgaben übernahm, die das Leben bereithalten kann. »Signor Federico, was gibt’s?«, fragte meine Mutter und rang sich ein Lächeln ab. Doch er brachte kein Wort heraus. Unbeweglich stand er da, mit  zusammengepressten Lippen. Schlagartig brach das Gerüst der Hoffnung, das trotz allem immer noch standgehalten hatte, in sich zusammen, und als wollte sie der Wahrheit entkommen, stürzte sie mit einem Aufschrei in die Wohnung zurück.
   Hier, bei diesem verzweifelten »Nein!«, setzt meine Erinnerung ein.
Ich hing an ihrem Rock, Signor Federico versuchte, etwas zu sagen, sie wirbelte wie von Sinnen herum und ich mit ihr. In meiner Erinnerung drehen wir uns immer weiter, endlos lang. Ein Bild, eingefroren, schwarz-weiß. Ich dachte, er wolle ihr wehtun, und wusste nicht, wie ich sie beschützen sollte. Bis sie stehen blieb. Er redete, sie weinte, ich umklammerte ihre Beine und fühlte mich verloren.
   Danach habe ich mich jahrelang vor Signor Federico gefürchtet. Sobald er in meine Nähe kam, fing ich an zu weinen. Jedes Jahr zu Weihnachten brachte er mir ein schönes Geschenk, aber ich ging ihm aus dem Weg und wollte es in den ersten Jahren nicht einmal auspacken. Wenn Signor Federico zum Aufbruch bereit war, erhob mein Großvater die Stimme, um mir zu signalisieren, dass es so weit war. Dann bedankte ich mich und lugte dabei ein ganz klein wenig hinter der Tür hervor. Er hatte immer noch einen Schnauzbart und sehr dichtes schneeweißes Haar, als ich ihn zum letzten Mal sah. Das ist jetzt über zehn Jahre her. Damals lag er in
einem Bett der San-Carlo-Klinik, in die auch mein Vater gebracht worden war, und er lag im Sterben. Er erkannte mich sofort, als ich das Zimmer betrat, obwohl er mich seit meiner Kinderzeit nicht mehr gesehen hatte, und seine Miene erhellte sich. Wir sprachen ziemlich
lange miteinander. Schließlich strich ich ihm über sein Haar, es war sehr weich, und er sagte: »Du hast mir das schönste Geschenk gemacht, das ich mir hätte wünschen können.«
Es gibt Menschen, die führen eine Liste der im Leben verpassten Gelegenheiten. Ich hingegen merke mir die Chancen, die ich genutzt habe, und dieser Nachmittag rangiert auf der Liste ganz oben.
   »Signor Federico« – so nannten wir ihn sein ganzes Leben lang – hatte damals zu ihr gesagt: »Gemma, er ist angeschossen worden, er befindet sich in einem kritischen Zustand, sie tun ihr Möglichstes.« Sie hatte mit weit aus holender Armbewegung auf die Wohnung und die Dinge darin gedeutet und leise etwa Folgendes gesagt: »Das alles hat keinen Sinn mehr.«
   Kaum hatte Signor Federico die Tür hinter sich zugezogen, klingelte es wieder. Diesmal war es der stellvertretende Polizeichef, der außer sich vor Aufregung sinngemäß sagte: »Er ist an der Schulter verletzt worden. Wir haben ihn ins Krankenhaus gebracht, und jetzt fahren wir Sie dorthin.« Und dann: »Alles in Ordnung, Signora? Wie fühlen Sie sich?« »Ich bin
mit dem dritten Kind schwanger.« Er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, als wolle er sagen: »Mein Gott, auch das noch!«
   Niemand von uns kehrte jemals in diese Wohnung zurück. Die Großeltern lösten sie auf. Mama setzte nie wieder einen Fuß auf jenen Bürgersteig, an dem nichts an die Tat erinnert. Sie hat sich geschworen, den Ort erst an dem Tag wieder aufzusuchen, an dem die Stadt beschließt, dem Tod meines Vaters ein Andenken zu widmen. Ich aber ging wieder hin, mehr oder weniger heimlich, jedenfalls erzählte ich weder meiner Mutter noch meinen Geschwistern davon. Ich hatte Schuldgefühle, denn um Alessandra, meine liebste Schulkameradin, zu Hause zu besuchen, brach ich ein Tabu. Damals war ich schon auf dem Gymnasium. Ich wusste, wo sie wohnte. Und als sie mich eines Tages fragte, ob ich sie nach Hause begleiten wolle, bemühte ich mich nicht um eine Ausrede. Ich habe es ihr zu verdanken, dass ich mich mit jenem Ort versöhnte. Jedes Mal betrachtete ich alles ganz genau und stellte mir die Schritte meines Vaters auf diesem Bürgersteig vor. Ich versuchte, das zu sehen, was er in der letzten Minute seines Lebens gesehen hatte.
   Am Abend zuvor hatten wir noch Versteck gespielt. Dieser Abend war ein Geschenk des Schicksals, das ihm einen Tag mehr mit seiner Frau und seinen Kindern gewährte. Ein Abendessen und ein paar Seiten mehr in dem Buch, das auf seinem Nachttisch lag, Chruschtschows Erinnerungen, in dem er im Morgengrauen las, noch vor dem Kaffee. Die Möglichkeit, eine weiße Krawatte auszusuchen. Der Zufall war es, der sein Leben um genau vierundzwanzig Stunden verlängerte, und in diesem Fall sah es aus, als sei der Zufall ein Parkplatz gewesen.
   Mein Vater hatte nämlich keinen Garagenplatz, auf den er den Cinquecento jeden Abend hätte stellen können, also parkte er das Auto fast immer auf der Straße. Die zur Garage hinunterführende Rampe bot jedoch ausreichend Platz für einen kleinen Wagen: Wer von den Hausbewohnern zuerst nach Hause kam, parkte dort. Mein Vater, der stets der Letzte war, hatte also keine Chance, obwohl er es immer wieder versuchte, vor allem, weil er sich dort sicherer gefühlt hätte. Dass er am 15. Mai ein einziges Mal früher nach Hause kam, es schaffte, den Platz auf der Rampe zu erobern, und am nächsten Morgen auch noch spät aus dem Haus ging; dieser Umstand schenkte uns noch einen Abend mit gemeinsamen Spielen.
   Herausgefunden haben wir das während des ersten Prozesses. Wie Leonardo Marino [der als Kronzeuge gegen den Angeklagten Adriano Sofri und andere aussagte, A. d. Ü.] berichtete, war der Mord eigentlich für den 16. Mai geplant. Sie bezogen zwar frühzeitig Posten vor dem Haus, fanden den blauen Cinquecento aber selbst nach ein paar Kontrollrunden nicht. So warteten sie über die festgesetzte Stunde hinaus, glaubten dann jedoch, es sei zu spät,
und mein Vater habe das Haus wohl schon am frühen Morgen verlassen. Deshalb beschlos sen sie, es am nächsten Tag wieder zu versuchen.
   Dieses Detail schien nicht überprüfbar zu sein. Bis zum Tag, an dem meine Mutter vor Gericht befragt wurde. Im Verlauf ihrer Aussage erzählte sie, wie sie einige Monate vor dem Mord begonnen hatte, ein Tagebuch über die tatsächliche Arbeitszeit meines Vaters zu führen. Sie benutzte dazu einen kleinen Kalender, ein Geschenk des holländischen Tourismusverbands, auf dessen Deckel »Holland ’72« stand. Halb im Spaß, halb im Ernst hatte sie dieses Tagebuch begonnen, denn sie war der Meinung, meinem Vater würden nicht alle Überstunden erstattet.
Daher notierte sie, wann er morgens das Haus verließ und wann er wieder heimkam – oft mitten in der Nacht. Man bat sie, diese Notizen vor Gericht zu verlesen. Ihr wurde alles klar, als sie zum 15. Mai kam. Da stand: »Gigi kommt heute früher zurück.« Das bedeutete, er hatte den Stellplatz auf der Rampe erobert, das Auto stand im Innenhof und war von der Straße aus nicht zu sehen. Dann, am 16. Mai, der Vermerk: »Gigi geht um 9.30 Uhr.« Auf derselben Seite unten noch zwei weitere Zeilen: »Gigi kommt mit Schokolädchen und Karamellbonbons zurück, wir
spielen mit Mario Verstecken.«
Am 17. Mai ein einziger Satz, an diesem Morgen war er pünktlicher: »Gigi geht um 9.10 Uhr.«
   Die Erinnerung an den letzten Sonntagmorgen, den wir gemeinsam verbracht haben, habe ich mit Hilfe des holländischen Kalenders rekonstruiert. Dort steht: »14. Mai. Gigi geht mit Mario zur Parade der Gebirgsjäger. Er kommt mit Kuchen, Eis und Rosen zurück.« Meine Mutter hat aus diesem Strauß noch eine vertrocknete Rose, deren Farbe, ein mit roten Einsprengseln durchsetztes Rosa, immer noch zu ahnen ist. Sie bewahrt sie in einer großen Kassette zusammen mit den vielen tausend Briefen auf, die sie im Lauf der Jahre erhalten hat.
Auf das Datum sind wir gemeinsam gekommen, nachdem das Tagebuch wieder aufgetaucht war.
   Ich sah damals auf eine dichte Menschenmenge, einer Piazza und einer Blaskapelle. Ich saß auf seinen Schultern und war über das Gedränge und den Lärm ein wenig erschrocken, zugleich aber unglaublich angezogen von der großen vergoldeten Öffnung einer Posaune. Er fragte mich, ob ich sie anfassen wolle, aber ich war zu schüchtern, außerdem tat es sonst niemand, die Leute standen alle am Straßenrand und sahen der Parade zu. Niemand übertrat die unsichtbare Grenzlinie. Er dagegen kletterte über etwas hinü ber, stieg über das Absperrgitter. Ich klammerte mich an seine Haare, er drückte meine Beine an sich, ich fürchtete mich, spürte,
dass wir etwas Verbotenes taten, aber er flößte mir Vertrauen ein. Wir traten zu der Blaskapelle, er wechselte mit irgendjemandem ein paar Worte und fragte etwas, dann
beugte er sich über die Posaune, und ich durfte sie anfassen, nur für einen Augenblick. Wir gingen an den Straßenrand zurück, ich war glücklich und fühlte mich groß und stark und stolz, weil ich auf seinen Schultern saß, und glaubte, wir hätten etwas sehr Mutiges gemacht. Ich fürchtete mich nicht mehr vor der Menge, die ganze Welt war in ein sonnenhelles und warmes Licht getaucht. Es war ein sehr intensives Gefühl, ich spüre es heute noch, lebendig und klar. Ein erfüllen des Gefühl.
   Ich habe oft daran gedacht, in der Schule, im Gedränge am Ausgang des Stadions, im Parlamentsgebäude Montecitorio, während der aufwühlenden Tage von Prodis Sturz oder von Ciampis Wahl, als vor dem Sitz des NBC im Rockefeller Center in New York die Leute davonrannten, weil man einen Briefumschlag mit Anthraxsporen gefunden hatte, oder als wir
beschlossen, welche Korrespondenten am 11. März 2004 kurz nach den Bombenanschlägen auf die Züge nach Madrid entsandt werden sollten, und auch in der Nacht, als wir die Sonderausgabe zum Beginn des Irakkriegs herstellten.
Ich habe dieses warme Gefühl gespürt und an ihn gedacht. Das ist das, was er mir vermacht hat: Gelassenheit inmitten von Unordnung, eine Art Frieden, der mich erfüllt, wenn sich alles um mich herum beschleunigt, und je schneller alles wird, desto eher kommen in mir die Dinge
zum Stillstand, werden klarer und scheinen einfach zu sein.
   Es war zwar nur eine Blaskapelle der Gebirgsjäger, aber ich habe sie seit über fünfunddreißig Jahren in mir.


Mario Calabresi, geboren 1970 in Mailand, war nach dem Studium der Geschichte und des Journalismus als Reporter bei der Nachrichtenagentur ANSA tätig und in der römischen Redaktion der Tageszeitung La Stampa. Heute lebt er als Korrespondent der Tageszeitung La Repubblica in New York.