SchimerGraf Verlag

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Víctor Català
Solitud


"Hausputz"

...
Mila machte die Augen zu und warf sich in die Arbeit, wie ein Schwimmer kopfüber ins Meer springt.
Matias hätte seiner Frau gern vorher noch Murons und dreißig andere Orte gezeigt, nur um den angekündigten Großputz hinauszuschieben, doch Mila weigerte sich entschlossen.
»Solange das Haus ein Dreckloch ist, brauchst du mir nicht mit Ausflügen zu kommen. Den Herrn Pfarrer kannst du auch allein besuchen … und dabei gleich einkaufen gehen!«
Und Matias mußte klein beigeben, seine Frau gewähren lassen und sich seinerseits in die Rolle des Laufburschen fügen, bis alles hergerichtet war. Doch letztlich ließ er sich lieber wegschicken, als eimerweise Wasser vom Brunnen zu holen und einer ganzen Liste von Aufträgen ausgesetzt zu sein, wann immer er ihr unter die Augen kam. Mila beschloß, systematisch vorzugehen, sich vom Leichteren zum Schwereren und von oben nach unten vorzuarbeiten, und machte sich nicht an die Kapelle, bevor alles andere so blitzblank war, daß der Schäfer fand, es sähe aus wie von Engeln saubergeleckt.
Kaum daß Besen und Mop Einzug in der Kapelle hielten, war es, als käme der ganze Berg herunter. Die Heiligen schwankten auf ihren Altären, die Ratten flüchteten erschrocken aus ihren Winkeln, die wurmstichigen Bilderrahmen bröckelten, wächserne Beinchen und Ärmchen zerbrachen … Und inmitten dieses Durcheinanders, eingehüllt von dicken Staubwolken, sah man Mila herumwirbeln, überall wischen, keine Ecke oder Ritze aussparen. Die Putzwut hatte sie mit solcher Leidenschaft gepackt, daß sie mit beinahe lustvoller Begeisterung ihrem revolutionären Tun frönte. Eines Nachmittags, als sie auf ein Sims über dem Altar geklettert war und einem Engel, der als Kerzenhalter diente, das Wachs zwischen den Fingern wegschabte,
fiel ein Schatten auf sie. Sie wandte sich um und sah einen Mann in der Tür zur Kapelle stehen.
Ein wenig verlegen sprang sie rasch herunter und paßte dabei auf, daß er ihre Beine nicht sah. Sie war erhitzt und außer Atem, ihre Augen blitzten unter den weißbestäubten Wimpern hervor, und das rote Kopftuch, das sie sich ums Haar geschlungen hatte, verlieh ihr etwas Lausbübisches.
Der Mann starrte sie entgeistert an.
Er war ein grobschlächtiger Bauer mittleren Alters in einer abgetragenen blauen Samtjoppe und
zerrissenen gelben Kordhosen, gegürtet mit einem Hanfstrick. Brust und Füße waren nackt, halb verborgen von einer vorgewölbten olivfarbenen Stirn und dichten Brauen, bewegten
sich zwei winzige Augen unbestimmter Farbe in tiefen Höhlen unruhig hin und her wie Insekten im Gras.
»Guten Tag«, sagte Mila.
Der Mann stierte sie unter seinen Brauen hervor reglos an und gab keine Antwort.
Mila spürte, wie sie errötete, und lächelte unsicher.
Da schien der Mann sich zu fassen und fing nun seinerseits zu lachen an. »Hö, hö, hö … Guten
Tag.«
Seine Stimme klang heiser und sein Lachen unnatürlich.
Dabei kniff er die Augen zusammen und rollte die Oberlippe ein, und Mila fiel auf, daß seine
Zähne weiß glänzten wie aus Email und sein Zahnfleisch dunkelrot, fast schokoladenfarben war.
Der Mann schob die Hand unter den Hosenbund und kratzte sich am Bauch, anscheinend unschlüssig, was er als nächstes tun sollte. Und plötzlich stammelte er hastig, er käme vom Peu de Gall herunter, fast vom Cimalt, und habe großen Durst, und er sei hereingekommen, weil er um einen Schluck Wasser bitten wollte.
»Aber ja«, sagte die Frau bereitwillig. »Kommt mit nach oben, kommt!« Und sie stiegen über die kleine Treppe zur oberen Kammer und durchquerten das ganze Haus bis zur Küche.
Mila schob dem Mann einen Stuhl und den Porró hin, doch er mochte sich nicht setzen: Er wollte nur trinken, und das tat er in großen Schlucken … Aus seiner Kehle drang ein rhythmisches Gluckern, als würde eine Flasche ausgegossen, und sein riesiger kantiger Adamsapfel hob und senkte sich. Nachdem er seinen Durst gelöscht hatte, schnaufte er befriedigt, und da er naßgeschwitzt war, nahm er die Mütze ab, um sich über den Kopf zu wischen.
Da erblickte Mila die seltsamste Stirn, die sie jemals gesehen hatte, etwas, das kaum menschlich wirkte: einen länglichen, birnenförmigen Schädel, schmal um Stirn- und Scheitelbein, wie gewaltsam eingeschnürt, doch mit einem weit hervorstehenden Brauenwulst, der sich wie ein Sims von einer Schläfe zur anderen zog – die knochige Kante, die unter der Barretina sichtbar blieb.
Der Mann berichtete, er streife schon seit dem Morgengrauen durch die Berge auf der Suche nach neuen Löchern, in die er morgen sein Frettchen schicken könnte; vergangene Woche habe er sechs Kaninchen an einem Tag erwischt, und er rechne damit, daß es bald noch etliche mehr sein würden; er verkaufe sie alle in Murons, an Gastwirtschaften und Herrenhäuser; und beim Verfolgen einer Spur sei sein Frettchen hartnäckiger als ein Mosso d’esquadra …
Er hatte Mühe, sich auszudrücken, sein unsteter Blick mied den ihren, und seine rauhe Stimme
wurde immer heiserer, bis sie ihm gänzlich versagte.
Als der Mann über den Hof davongegangen war, kehrte Mila durch den Stall und die Sakristei in die Kapelle zurück.
Die Sonne schien durch die weit offene Tür, fiel schräg auf den Fliesenboden bis zu den Altarstufen und schickte funkelnde Glanzlichter über die Wände.
Mila stieg wieder auf den Altar, und während sie dem hölzernen Engel Händchen und Bein putzte, peinigte sie ein Gedanke: ›Wo habe ich bloß diesen Mann schon einmal gesehen? Ich bin ganz sicher, daß ich ihn irgendwo schon gesehen habe. An dieses komische Zahnfleisch und diese weißen Zähne kann ich mich gut erinnern …‹
Doch da sie ihrem trägen Gedächtnis nicht auf die Sprünge helfen konnte, hörte sie nach einer
Weile auf, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, und widmete sich mit neuem Eifer dem Heiligen und seinen Weihgaben.

Aus dem Katalanischen von Petra Zickmann
(c) der deutschsprachigen Ausgabe: SchirmerGraf Verlag, München 2007