Lena Gorelik
Hochzeit in Jerusalem
Ich hatte Liebeskummer. Großen Liebeskummer, den größten der Welt eben. Einen Ausknopf gab es nicht. Anfangs dachte ich, ich könnte nie wieder fernsehen, weil mich Fernsehen an ihn erinnerte. Hunger hatte ich sowieso nicht. Ich nahm ab, wie immer an den falschen Stellen. Mein Gesicht fiel ein (meine Mutter schluchzte, ich sähe aus wie ein Gespenst), aber meine Oberschenkel schienen immer dicker zu werden, obwohl ich kaum etwas aß. Nicht einmal Schokolade. Andererseits bewegte ich mich nicht weiter als vom Bett zum Bad und wieder zurück.
Nach ein paar Tagen im Bett entwickelte ich ein ausgeprägtes Interesse an zweifelhaften Sendungen mit Laiendarstellern, die gegen die Mittagszeit ausgestrahlt werden. Er hätte sich diese Art von Sendungen
niemals angeschaut, er hätte mich dafür verachtet. Während der Aufs sagte ich mir: Jetzt kann ich mir ansehen, was mir Spaß macht. Mir ganz allein. Bei diesem Gedanken kam wieder ein Ab, und ich fing an zu weinen.
Die Mittagszeit war die schwierigste. Alle anderen arbeiteten, lebten, ich wartete darauf, bis sie damit fertig würden. Ich brauchte jemanden, der mir beim Jammern zuhört.
Mein Vater gab mir einen Krimi auf russisch, der mich ablenken sollte. Ich fing an zu weinen, weil mich das Buch an ihn erinnerte. Verwirrt ging mein Vater in die Küche zu meiner Mutter und fragte sie, was mich an einem Buch, das er bestimmt nie gelesen hatte, an ihn er innern konnte. In all den Tagen, die ich im Schlaf anzug auf der Couch meiner Eltern verbrachte, fragte mich mein Vater kein einziges Mal nach ihm. Oder danach, wie es mir ging. Er sprach mit mir übers Wetter und über die Sendungen, die ich mir ansah, er bot mir an, mit mir zu puzzeln, obwohl er es normalerweise für eine Zeitverschwendung hält, er bestellte Pizza für mich als Kind hatte ich es geliebt, Essen zu bestellen , die ich an den Hund verfütterte. Über Gefühle sprach
mein Vater nicht. Aber wenn es mir ganz schlecht ging, setzte er mir den Hund ins Bett. Einmal hörte ich, wie meine Mutter im Flur deswegen herumschimpfte die erste Regel des Hauses lautete, der Hund darf niemals ins Bett , aber er sagte zu ihr: »Sie ist doch unser kleines Mädchen.« Zu mir sagte er so was nicht.
Meine Eltern hatten sich den Hund gegenseitig zu Weihnachten geschenkt, obwohl Weihnachten bei uns ja nicht gefeiert wird. Meine Mutter hoffte, der Hund würde die Familie zusammenschweißen. Sie sagte auch, sie habe gespürt, daß es mir bald schlechtgehen würde, und deshalb darauf bestanden, den Hund möglichst rasch zu kaufen. Sie sagte, so was spürten Mütter, aber das würde ich niemals verstehen können, weil ich zu sehr damit beschäftigt sei, Karriere zu machen, und niemals das Glück erleben würde, eine Mutter zu sein. Bei diesem Satz seufzte sie viermal. Mein Vater verbrachte seine Rentnerzeit nun damit, den Hund zu einem Zirkusartisten auszubilden, und wurde wütend, wenn dieser sich mehr für Rinderohren und weniger für die Tricks interessierte, die mein Vater ihm beizubringen gedachte. Der intelligente Hund erkannte keinen Sinn darin, auf Kommando etwas vom Boden aufzuheben, sich auf die Hinterbeine zu stellen und den Gegenstand meinem Vater zu reichen. Mein Bruder sagte, der Hund sei kein richtiger Hund, viel zu klein dafür, aber dann spielte er doch immer wieder mit ihm. Meine Mutter fand, an der Art, wie mein Bruder mit dem Hund umginge, sähe man ganz deutlich, daß er sich Kinder wünscht. Wir müßten nur noch eine passende Frau für ihn finden. Sie schaute mich hilfesuchend an. Meine Mutter fand auch, daß der Hund jüdische Augen hat. Der Hund aß koscher, niemals Schwein.
Meine Großmutter vergaß immer wieder, daß wir überhaupt einen Hund hatten.
Ich benutzte den Hund als Handtuch für meine Tränen. Ich weinte in sein Fell und ließ ihn nicht los, selbst wenn er genug von mir hatte. Er war der einzige, der mich verstand.
Alle sagten, es würde besser werden, die Aufs würden immer länger, die Abs immer kürzer, aber sie hatten unrecht. Als ich die Fragen und die guten Ratschläge meiner Mutter nicht mehr ertragen konnte, ließ ich mir eine Tasche voller Essen einpacken und fuhr nach Hause. In mein neues Zuhause, ganz allein meins, keine verstreuten Socken mehr, keine Streitereien darüber, wie man Töpfe aufzubewahren hat (ich stapelte sie ineinander und legte die Deckel daneben, er wollte für jeden einzelnen Topf einen eigenen Platz). Bei diesem Gedanken kam wieder ein Ab. Ich wollte so gerne Platz schaffen für alle Töpfe der Welt, wenn er nur
Und dann weinte ich wieder. Auch zu Hause schaute ich mir die Mittagssendungen an, spielte nach einer Weile mit dem Gedanken, Drehbücher für sie zu schreiben, recherchierte sogar im Internet die Anschriften der Redaktionen, rief aber nie an.
Abends unternahm ich was mit Freunden, das waren meine Aufs, ich fühlte mich gut und stark und unabhängig. Später weinte ich mich allein in den Schlaf. Meine Freunde hatten eine Menge guter Ratschläge auf Lager. Zusätzlich zu denen, die meine Mutter mir am Telefon diktierte. Sie hatte sich ein Handy gekauft, und ich hatte damit einen Gute-Ratschläge-SMS-Dienst abonniert. Sie sagte, ich sollte mich zusammenreißen und mir einen anderen netten jüdischen Mann suchen. Chris schlug mir vor, meinen Schmerz kreativ auszuleben. Ich versuchte es mit einem Bleistift auf der Rückseite eines Briefes von meiner Krankenkasse.
Denis riet mir mehrmals, mich einer Psychoanalyse zu unterziehen, aber der schrieb ja auch seine Diplomarbeit über Freud. Martin wollte, daß ich weggehe und jede Nacht einen anderen Mann mit ins Bett nehme. Ich wollte meinen Schlafanzug anziehen und mich selbst bemitleiden. Julia schleppte mich zu einem Nobelfriseur. Der kostete mich 150 Euro, und die Veränderung fiel keinem auf. Chris nahm mindestens einmal am Tag Kontakt zu mir auf per Mail, Anruf, SMS, Messenger oder persönlich und fragte mich: »Wie fühlst du dich heute?« Mir fiel keine außergewöhnliche Antwort ein.
Ich fing an, mich nachts in Internet-Foren herumzutreiben. Sie alle trugen »Liebeskummer« oder »Trennung« im Namen. Ich meldete mich als Nicki25 an (als Kind habe ich mir gewünscht, meine Eltern hätten mich Nicki genannt) und fühlte mich besonders von Herzschmerz007 und Verlassene-Katze verstanden. Sie wußten, daß keiner jemals so gelitten hatte wie ich. Wir überlegten, ein Treffen im RL (was soviel wie RealLife heißt, ich lernte in diesen Tagen eine Menge solcher Abkürzungen kennen) zu organisieren. In diesen Foren trieb ich mich auch an den Vormittagen und nach den Mittagssendungen gleich wieder herum, bis meine Freunde
Zeit für neue Ratschläge hatten. Meine Freundin Kathrin sagte, wenn ich schon Stunden in Foren verbringe, sollte ich meine Energie darauf verwenden, in Single-Communities nach interessanten Männern zu suchen. Sie empfahl mir neu.de, weil sie ihren eigenen Freund dort kennengelernt hatte. Meine Mutter schwor neuerdings auch auf Internet-Bekanntschaften. Als Expertin sagte sie: »Da muß man sich nicht schämen. Das ist nicht wie früher mit Kontaktanzeigen. Das ist was ganz anderes. Die Tochter meiner Bekannten hat ihren Mann übers Internet kennengelernt. Und jetzt haben sie drei süße Kinder. Drei. Ich habe kein einziges Enkelkind.« Meine Mutter, die sich seit ihrem Handykauf regelrecht für neue Medien begeistert, schickte mir sogar einen Link zu einer jüdischen Singlebörse zu.
So lernte ich Julian kennen.
(c) SchirmerGraf Verlag, München 2007
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