Sue Hubbell
Ein Jahr in den Ozark Mountains
Vor ein paar Jahren saß ich an einem Frühlingsabend in dem braunen Ledersessel im Wohnzimmer, las Zeitung und war mit mir und der Welt zufrieden, als ich plötzlich merkte, daß ich nicht mehr allein war. Ich schaute auf: Meine drei deckenhohen Fenster waren voller Frösche.
Es waren Hunderte, zollgroße Fröschchen mit hauchdünnen Schwimmhäuten und fingerartigen Zehen, mit deren Saugnäpfen sie an den glatten Flächen hafteten. Nach der Form ihrer Zehen, ihrer Größe und den hellen Bäuchen zu schließen mußten es Wasserpfeifer sein, Hyla crucifer. Ich ging hinaus, um sie näher in Augenschein zu nehmen, mußte aber aufpassen, wohin ich die Füße setzte, denn im Gras vor den Fenstern wimmelte es nur so von Fröschen, die geduldig darauf warteten, die erleuchteten Fenster zu erklimmen. Tatsächlich hatte jedes der braunrosa Tiere die dunkle Kreuzzeichnung auf dem Rücken, der die Spezies ihren wissenschaftlichen Namen verdankt. Daß sie vom Licht angelockt werden, war mir neu.
Ich ließ meine Zeitung Zeitung sein und brachte den Abend damit zu, die Frösche zu beobachten. Sie kletterten kaum über die Fensterrahmen hinaus und saßen an Scheiben und Profilen, als könnten sie sich nicht entscheiden, was als nächstes zu tun sei. Am folgenden Morgen waren sie verschwunden, und ich habe sie seitdem nie wieder an den Fenstern gesehen. Ein eigenartiges Verhalten.
Es waren stumme Fensterkletterer; Wasserpfeifer bemerkt man gewöhnlich nur gegen Ende des Winters, im Februar, wenn ihre schrillen, einem Pfeifen ähnlichen Paarungsrufe von dem Teich oben in der Wiese herabtönen. Die Männchen erzeugen diese Rufe, indem sie Maul und Nasenöffnungen schließen und Luft aus der Lunge über die Stimmbänder ins Maul und anschließend über die Stimmbänder wieder zurück in die Lunge pressen. Der Laut lockt die Weibchen an den Weiher, und sobald sie im Wasser sind, umklammern die Männchen sie und plazieren ihre Kloake genau über derjenigen der Weibchen. Die Weibchen setzen dann den Laich ab, und die Männchen befruchten ihn.
Sie ist eine gesellige Angelegenheit, diese Froschpaarung, und die Frösche sind so zahlreich und ihre Rufe so schrill und durchdringend, daß ich abends gern zu dem Teich hinaufgehe und diesem für den Menschen so erheiternden und zugleich seltsam aufwühlenden Chor lausche. Eines Abends war ich mit einem Freund dort oben, und wir saßen lange am Ufer. Jede Unterhaltung wäre unpassend und ohnehin möglich gewesen. Das Pfeifkonzert hüllte uns ganz ein, füllte uns aus, hallte mit hysterisch-schriller Eindringlichkeit wider, vertrieb jeden konzentrierten Gedanken aus unseren Köpfen und zwang uns, Laute nicht nur zu hören, sondern auch zu fühlen.
Als wir uns auf dem Rückweg zu meiner Hütte darüber unterhielten, stellten wir verblüfft fest, daß wir uns, unabhängig voneinander, beide gefragt hatten, ob es sich so anfühlt, wenn man den Verstand verliert.
Ein etwas größerer Verwandter des Wasserpfeifers aus derselben Gattung ist der Graue Laubfrosch, der sich über die Sommermonate oft in meinen Bienenstöcken einnistet. Die Frösche hängen unter der Wetterschutzabdeckung des Bienenkastens, und wenn ich die Abdeckung hochhebe, lassen sie sich ohne Eile auf den inneren Deckel plumpsen und sehen mich ruhig an.
Sie sind von einem angenehm weichen Graugrün mit dunkleren moosgrünen Flecken, und wenn sie in einem Baum sitzen, sehen sie aus wie ein Stück flechtenüberzogener Rinde. Mit dieser im Zuge der Evolution entstandenen, wunderbar erfolgreichen Tarnfärbung ist der Graue Laubfrosch in brenzligen Situationen am sichersten, wenn er stillhält und so tut, als sei er tatsächlich ein Stück Rinde. Auf dem weißen inneren Deckel des Bienenstocks nützt ihm seine Tarnung allerdings herzlich wenig, aber das weiß er natürlich nicht, und da er nicht gelernt hat, daß es von Nutzen sein kann, weithin sichtbar davonzuhüpfen, bleibt er sitzen und beäugt mich, so kommt es mir vor, mit einer Mischung aus Eitelkeit und trotziger Rechthaberei.
Als ich gestern Abend im Bett lag und las, spürte ich mehr, als daß ich es hörte, ein leichtes Plopp neben mir. Ich spähte über meine Brille hinweg und erblickte einen dicken, stattlichen Grauen Laubfrosch, der mich prüfend ansah. Wir musterten einander eine ganze Weile, der Frosch sichtlich gelassen, dann nahm ich ihn auf, trug ihn zur Hintertür hinaus und setzte ihn in den Hickorybaum. Selbst in meinen Händen bewegte er sich kaum, und auch in dem Baum blieb er still sitzen und verschmolz aufs Schönste mit der Rinde. Ein gleichmütiger Frosch.
Die Fensterbänke in meinem Schlafzimmer sind verrottet, und er hatte vermutlich ein Loch gefunden, durch das er hereingeschlüpft war. Ich fragte mich, ob nicht noch Freunde von ihm dabeigewesen waren, schaute unters Bett und entdeckte dort drei weitere Graue Laubfrösche, jeder womöglich ein verwunschener Prinz. Dessen ungeachtet beförderte ich alle in den Hickorybaum.
Ich erinnerte mich vage, daß ich als Kind in der Sonntagsschule einmal etwas von einer Froschplage gehört hatte, und so nahm ich meine Bibel aus dem Regal und machte es mir wieder im Bett bequem. Ich fand die Geschichte im Exodus. Es handelte sich um eine der Plagen, die Gott dem Pharao sandte, auf daß er die Juden aus Ägypten ausziehen lasse.
Da sprach der Herr zu Mose: Geh hin zum Pharao und sage zu ihm: So spricht der Herr: Laß mein Volk ziehen, daß es mir diene! Wenn du dich aber weigerst, siehe, so will ich dein ganzes Gebiet mit Fröschen plagen, daß der Nil von Fröschen wimmeln soll. Die sollen heraufkriechen und in dein Haus kommen, in deine Schlafkammer, auf dein Bett ...
Eine aufregende Geschichte: Mein Abend hatte eine ausgesprochen biblische Färbung angenommen. Ich las von einer Froschplage, und ich hatte mit den Wasserpfeifern an meinen Wohnzimmerfenstern selbst eine erlebt. Beide Plagen erfreuten mich, den Pharao dagegen weniger. Wie der Verfasser des Exodus berichtet, peinigten ihn die Frösche in seinem Bett, und er rief Moses zu sich und sagte:
Bittet den Herrn für mich, daß er die Frösche von mir und von meinem Volk nehme, so will ich das Volk ziehen lassen, daß es dem Herrn opfere.
Ein pingeliger Mensch, dieser Pharao, und einer mit ziemlich schwachen Nerven.
Ich kannte einmal einen Sumpffrosch, Rana palustris, der hätte den Pharao eines anderen belehren können. Er war ein reizendes Geschöpf, sehr hübsch, gräulich mit rechteckigen dunklen Flecken, die Innenseiten der Beine leuchtend gelb. Er wohnte einen ganzen Sommer lang in meiner Scheune. Ich fand ihn eines Morgens, als er sich den Aufmerksamkeiten der Katze und der Hunde zu entziehen suchte. Sein rechter Vorderfuß fehlte; der Stumpf war zwar vollständig verheilt, aber der Frosch konnte nur schief und unbeholfen hüpfen. In der Annahme, er sei besser dran, wenn er sein Glück in freier Wildbahn versuchte, trug ich ihn zum Weiher hinaus und setzte ihn unter das schützende Brombeerdickicht dort. Am nächsten Tag aber fand ich ihn wieder in der Scheune – er war die ganze Strecke von der Länge eines Fußballfeldes zurückgehüpft. Da ließ ich ihn bleiben, gab ihm Wasser und fing ihm ein paar Fliegen.
Den ganzen Sommer über versorgte ich ihn mit frischem Wasser, fing Fliegen für ihn und paßte auf, daß ihm nichts zustieß. Sumpffrösche leben manchmal in Höhlen, und ich fragte mich, ob das gedämpfte Licht in der Scheune und der kühle Betonboden ihn in dem Glauben wiegten, er habe eine Höhle mit besonders gutem Service entdeckt. Der Teil der Scheune, in dem er wohnte, dient als Durchgang zu meinem Honighaus, und bald war der Frosch ein gewohnter Anblick für mich. Nach einiger Zeit sah ich in ihm so etwas wie einen Schutzgeist, einen Hüter des Honighauses, den Penaten Melissus sozusagen.
Eines Tages aber kam der Mann von der Lebensmittelkontrolle zu seiner jährlichen Inspektion. Er ist wie der Pharao ein pingeliger Mann. Einmal hat er mir Schwierigkeiten gemacht, weil er im Schleuderraum ein paar verirrte Honigbienen fand. Bienen, so erklärte er mir geduldig, seien Insekten, und laut Vorschrift seien Insekten in einem lebensmittelverarbeitenden Betrieb untersagt. Ich wies ihn – nicht ganz so geduldig vielleicht – darauf hin, daß diese Insekten das Lebensmittel selbst erzeugten und sich bis zu dem Moment, da ich es ihnen wegnähme, in ständigem engem Kontakt damit befänden. Schließlich gab er klein bei, sichtlich widerstrebend. Ich wußte nun nicht, wie er auf den Sumpffrosch reagieren würde, der bei seinem Wasserschälchen und einem Schraubdeckel voller toter Fliegen vor dem Honighaus hockte. Doch der Kontrolleur ist ein dynamischer Mann, er ging dynamisch an dem Frosch vorbei und bemerkte ihn gar nicht.
Vor Jahren habe ich in einem Biologie-Einführungskurs einen Frosch seziert, habe sorgfältig die Muskeln beiseitegelegt, die Nervenstränge verfolgt und die Organe bestimmt. Ich weiß noch, wie zufrieden ich mit mir war, als ich den Kadaver wegwarf. Ich wußte nun alles über Frösche und konnte mich daranmachen, meine restlichen paar Wissenslücken zu füllen. Ich war so selbstherrlich wie ein Grauer Laubfrosch auf dem weißen Deckel eines Bienenstocks.
In den Jahren danach, ehe ich in die Ozarks zog, führte auch ich ein dynamisches Leben. Ich hatte zwar keinen Grund, daran zu zweifeln, daß ich nach wie vor alles über Frösche wußte, aber ich verschwendete wohl auch nie einen Gedanken an sie, denn wie der Kontrolleur sah ich keine.
Heute gibt es in meinem Leben Frösche in Hülle und Fülle, und das beglückt mich, aber so eingenommen von mir bin ich nicht mehr. Zum einen ist mein Leben nicht so verlaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte, zum anderen bilde ich mir nicht mehr ein, über irgend etwas alles zu wissen. Von Fröschen beispielsweise habe ich keine Ahnung, und besonders klar wird mir das, wenn sie meine Fenster besetzen, in mein Bett springen oder meinen Schutz benötigen.
Ich seziere keine Frösche mehr, und ich lese mehr Lyrik als mit zwanzig. Vor kurzem stieß ich auf einen Zweizeiler über die Natur, der von einem unbekannten Japaner stammt. Heute habe ich ihn abgeschrieben und über meinem Schreibtisch an die Wand gehängt:
Fremd ist mir, was hier wohnt
Tränen fließen vor Dankbarkeit und Demut.
Aus dem Amerikanischen von Barbara Heller
(c) der deutschsprachigen Ausgabe: SchirmerGraf Verlag, München 2007
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