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Ferenc Karinthy, Das goldene Zeitalter

Leseprobe


Der Apponyiplatz in der Stadtmitte war voll von riesigen Betonpyramiden. Das Wetter war kalt
und trocken, der Himmel bedeckt. Von weitem hörte man das Grollen der schweren Artilleriegeschütze, und trotzdem hatten immer noch einige Läden in der Petofi -Sándor-Straße geöffnet, da waren noch ein paar Weihnachtseinkäufer in letzter Minute; vier zerlumpte Arbeitsdienstler, mit gelber Armbinde, wurden irgendwo von einem mit einem Gewehr bewaffneten Soldaten begleitet. Józsi Beregi kaufte an der Straßenecke eine Zeitung und überflog sie, ohne dabei stehenzubleiben. Die Schlagzeile kündigte fettgedruckt das Kriegskommuniqué an, gefolgt von einer Erklärung des Generalobersten Heszelényi: »Wir werden in Kürze unsere historischen Grenzen zurückgewinnen.« Beregi las das alles nur diagonal, dann blätterte er weiter bis zum Sportteil. Beim Spiel Újpest gegen Ferencváros mußten die Grün-Weißen mit Ersatzspielern, ohne den großen Sárosi, antreten, während die Mannschaft von Újpest vollständig war und sogar Verstärkung von Nagy marosi hatte, der auf Fronturlaub war – es würde ein sicherer Sieg, meinte ihr Trainer.
»Holla«, murmelte Beregi, dann ging er an der Kirche vorbei und bog nach links in die Reáltanodastraße ein. Er begegnete niemandem im Treppenhaus, und doch hatte Nelli wohl hinter der Wohnungstür auf ihn gewartet, denn sobald er klingelte, machte sie auf.
»Mein Süßer!« Sie zog ihn ins Vorzimmer. »Unglaublich! Endlich bist du da! Ich hab so um
dich gezittert. Zeig dich mal … Du hast abgenommen, weißt du. So hat sich diese Schlampe
von Karoline also um dich gekümmert? Ich hatte dich doch gewarnt: Was konntest du dir bei diesem Luder schon erhoffen? Bei so jemandem ist doch nichts zu holen, mein Kleiner, die war
doch nie was anderes als eine Hungerleiderin und wird’s auch bleiben; wundert mich sowieso,
daß du sie so lange ertragen konntest …Warum hast du keinen Hut? Du erkältest dich noch. Los, erzähl schon, was machst du so? Wann hast du meine Nachricht bekommen? Hat dich auch niemand im Haus gesehen? Ach, wie freu ich mich, dich zu haben, komm her, du hast mir noch nicht mal einen Kuß gegeben … Ach so, ja: Hast du eigentlich irgendwelche Papiere?«
»Irgendwas habe ich schon«, sagte Beregi und zog seinen Mantel aus, nahm dann die Krawatte
ab. »Ich versteck dich, mein Herzchen, nicht mal der liebe Gott wird dich finden; daß er dich ausgerechnet mit dieser unglückseligen Konfession erschaffen mußte … Laß mich dich anschauen: Groß bist du ja, und dunkel bist du auch!« Sie vergrub ihre Finger in dem dichten schwarzen Männerhaar. »Zu aller erst läßt du dir einen Schnauzbart wachsen, so einen langen, der rechts und links herunterhängt. Ich selbst kann so was zwar nicht ausstehen, aber so wird sich deine Visage völlig verändern, und du wirst aussehen wie ein Bauer. Wir brauchen bloß zu sagen, daß du ein Flüchtling aus Siebenbürgen bist, ein Verwalter oder ein Volksschullehrer oder ein Metzger oder so was … Auf jeden Fall wirst du genau das tun, was ich dir
sage, jetzt ist Schluß mit dem Bummeln und Herumzigeunern, begib dich ganz in meine Hände,
hab vollstes Vertrauen, es wird alles gutgehen, wir werden hier leben wie zwei Turteltäubchen.
Das hier ist meine Wohnung, da darf niemand rein, und wir wissen schon, wie wir die Zeit herumbringen werden, das geht niemanden was an, stimmt’s? … Ach, mein Süßer, mein kleiner Józsi, wenn du wüßtest, wie ich an dich gedacht habe!« »Was gibt’s zum Abendessen?« fragte Beregi.
Am Abend zündete Nelli den Weihnachtsbaum an. Unter dem nicht großen, aber reichlich und geschmackvoll geschmückten Baum warteten ein Paar Socken aus dicker Baumwolle, in
Zellophan eingewickelt. Beregi hatte als Nachtisch Marzipan mitgebracht; auf der Schachtel
steckte ein winziger roter Nikolaus, der eigentlich anachronistisch war. Die Festtagsmusik kam
aus dem Radio, Nelli begann sogar leise Alle Jahre wieder zu summen; er zog ein Päckchen Zigaretten aus seiner Tasche und stieß aus gerundeten Lippen Rauch aus. Zum Essen gab’s serbischen Karpfen, mit Sauerrahm und Speck serviert und mitgebratenen Kartoffeln; danach einen Nuß-Mohn-Strudel und eingelegte Birnen. »Ich habe sie in Zitronenwasser garen lassen,
nach meinem ganz persönlichen Rezept …«, sagte Nelli und stopfte sich ein großes Stück in
den Mund. Ich habe heute früh meine Vorräte überprüft, da sind noch Marillen, Zwetschgen,
Sauer kirschen, Melone: siebenundfünfzig Einweckgläser … Und Mehl: sechs Kilo; Zucker: drei Kilo; zwei Kilo Gänse schmalz, zwei dicke Bauernwürste, ein Stück Geselchtes, eine halbe Seite Speck, sechs Dosen Leberpastete, Eier: nur vier, aber ich habe Eipulver … Also, verhungern werden wir nicht.« »Fleisch?« fragte er. »Dieser Mistkerl von Schiffler, der Metzger, hatte mir zu Weihnachten eineinhalb Kilo Koteletts versprochen, aber natürlich hat er mich reingelegt, er war nicht mal in seinem Laden, nur sein Angestellter. Nach dem, was man so hört, bringt er sein Fleisch den Juden, ins Getto; Schwarzmarkt.« »Aha.« Der Mann brummelte etwas; er betrachtete Nellis Hals im Ausschnitt ihres Kleides. Wie weiß er war und weich, mit diesem hellen Flaum; und wenn er hineinbeißen würde, wie lange wohl die Abdrücke seiner Zähne sichtbar bleiben würden? Wahrscheinlich mehrere Tage: Die Haut dieser molligen, blonden Frauen ist immer ein bißchen empfindlicher. »Was schaust du denn so, mein kleiner Spinner? « lachte Nelli auf. »Laß mich doch wenigstens noch den Tisch abräumen.«

Übersetzung: György Buda

(c) SchirmerGraf Verlag 2006