SchimerGraf Verlag

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Oliver Storz
Die Freibadclique
Roman
Umschlag: Privatarchiv
Leinen mit Schutzumschlag und Lesebändchen
256 Seiten, € 19,80 sFr 34,10
ISBN 978-3-86555-057-6



II

Es war ein »Tilemma«, wie wir damals sagten – mit einem betont hart gesprochenen T im Anlaut,denn ein weiches D hielten wir für schwäbischen Akzent, und das wäre uns peinlich gewesen. Keiner in der Clique wollte mehr schwäbisch sprechen, seit Knuffke da war und für uns eine Weltläufigkeit verkörperte, zu der unsere Mundart nicht passte.
Also übernahmen wir, so gut es ging, seine Sprache, ohne zu ahnen, dass seine Berliner Breitmäuligkeit einen Mann von Welt ebenso wenig zieren würde wie unser Heimatidiom.
Das »Tilemma« an diesem heißen Mittag des 20. Juli 1944 bestand darin, dass abends im Kino (dem einzigen in der Stadt) der Spielfilm Münchhausen letztmalig laufen würde, wir aber noch nicht drin waren – Jugendverbot: »Jugendlichen unter achtzehn Jahren ist der Zutritt untersagt«. Empörend: Was konnten wir dafür, dass wir erst fünfzehn waren? Beschämend: Knuffke hatte sich vor einem Jahr schon, noch in Berlin, in den UFA-Palast geschlichen und den Film gesehen: »Verboten is det nur wejen een’ Bild, keene fünf Sekunden lang, und det is’, wenn Hans Albers uff seene Kanonen kujel zu die Türken reitet und im Harem landet, und da siehste kurz ’n paar Mädels mit oben nischt an – janz scheene Glocken, aber det is ooch allet. Wat seid ihr bloß für Schisser, dassa euch da nich’ rin traut?«
Bubu, wie immer, wenn ihm was stank, hatte die kurze Oberlippe über die Mäusezähnchen hochgezogen: »Was heißt hier trauen? Das Reinkomm’ is’ kein Problem, weil, die Polypen am Eingang sind harmlos, aber seit Neuestem steht dann beim Rauskomm’ an sämtlichen Ausgängen der HJ-Streifendienst, das is’ ’ne Schlägertruppe, Napola-Abgänger, alles SS-Freiwillige, abgestellt zum ›Jugendschutz‹, wenn die dich schnappen, biste Matsch – das is’ das Tilemma.«
Knuffke stellte sein überlegenes Weltmannlächeln achselzuckend ab. Wir schwiegen. Um uns herum das Freibad tobte, erste Schulferienwoche, Hochbetrieb mit kriegsbedingter Textilienknappheit – sämtliche Mädchenbadeanzüge waren zu eng und an beiden Enden zu kurz. Aus den Jasminbüschen, wo die dienstfreien ME-262-Testpiloten des Fliegerhorstes lagerten, wehte Koffergrammophonmusik herüber: Margot Hielscher mit Frauen sind keine Engel, aber immerhin auch schon Nat Gonellas Saxophon mit Caravan und solchen Sachen – wo’s die Jungs von der Luftwaffe bloß immer herbrachten, das so göttlich entartete Zeug?
Ich weiß noch: das Licht. Diffus, dunstig, sonnenlos, hellgrau-flach, eine glatte Flanellhimmelsdecke, durch deren Gewebe die Hitze heruntergepresst wurde auf Fleisch, Gras und Wasser. Das Thermometer an der Bademeisterkabine zeigte fünfunddreißig Grad – im Schatten? Gab es nicht, nirgends. Wir alle hatten keine Schatten. War das ein Zeichen? Waren wir Peter Schlemihls, Gespenster ohne Ort, ohne Land? Und an wen hatten wir uns verkauft – Quatsch, das ist Nachkriegsweisheit, es war ein stinknormaler Freitag, nein, falsch, es muss ein Donnerstag gewesen sein, denn freitags lief im Kino immer der neue Film an, und heute Abend also letztmalig Münchhausen.
»Ohne uns!«, fing Zungenkuss wieder sein typisches Nachzüglergemaule an, bodenlos sei das, jeder von uns habe schließlich den ROB-Annahmeschein der Wehrmacht (Reserveoffiziersbewerber) in der Tasche, dafür sei man alt genug, und dann zu jung für fünf Sekunden nackte Titten. »Klappe«, sagte Bubu, »wenn du die Eier poliert haben willst, kannste ja reingehen.« Damit war das erledigt. Die Hitze wuchs. Ganz in der Ferne Donner oder auch der Schallmauerdurchbruch einer ME 262 . Ich schätze, es war kurz vor eins, als wir geschlossen mit flachem Hecht vom Beckenrand absprangen.

Um diese Zeit geht im Führerhauptquartier »Wolfsschanze« beim ostpreußischen Rastenburg Stauffenbergs Bombe hoch.

Vom weiteren Verlauf des Nachmittags fehlt mir ein großer Teil. Ich sehe nur noch leuchtende Stücke eines roten Badeanzugs durchs Blattwerk der Jasminbüsche, runde, eckige,  vielgezackte, alle irgendwiein rätselhafter Bewegung, vieldeutig oder eindeutig, ich weiß es nicht – jedenfalls würde all dies Splitterwerk, richtig zusammengesetzt, die Wehrmachtshelferin Lore ergeben haben, Lore blitzblankblau, Lore unerreichbar, in roter Badeanzüglichkeit mit meerblauen Augen (eines davon leicht schielend), die vorgaben, nichts zu ahnen von den Traumkatastrophen, die sie in den Köpfen vier Jahre jüngerer Pennäler auslöste. Die Luftwaffe spielte jetzt Moonglow, das Vibrato von Artie Shaws Klarinette glitzerte, vielleicht tanzten die roten Lore-Fragmente dort drüben Swing mit einem Fähnrich, es war besser, sie nicht zusammenzusetzen – auf jeden Fall hätte Lore eher mit Jugendverbot belegt gehört als Münchhausen.

...

(Ausschnitt aus Kapitel II).

(c)SchirmerGraf Verlag, München 2008