Romain Gary
Das Gewitter
Eine kleine Frau (1935)
Ja, Monsieur, sie war eine ganz kleine Frau.Blond,zierlich,geschminkt. Sie ging im Busch spazieren und rauchte dabei amerikanische Zigaretten, und in der ersten Zeit hätte nichts auf der Welt sie davon abgehalten, sich zweimal am Tag umzuziehen.
Wir befanden uns damals mitten im Urwald, hinter uns lag eine fertiggestellte Eisenbahntrasse von vierhundert Kilometer Länge. Für jemanden, der frisch aus dem »alten Land« kommt, sind vierhundert Kilometer jedoch nichts. Ein Klacks! Aber Sie haben keine Vorstellung, was es bedeutet, dem Busch eine solche Strecke abzuringen! Der Ingenieur, der diese Aufgabe bewältigt hatte, war kurz zuvor eiligst nach Saigon transportiert worden, er war an einem heimtückischen Fieber erkrankt, das in den Tropen auch mit dem widerstandsfähigsten Organismus fertig wird. Ungeduldig erwarteten wir seinen Nachfolger. Schließlich kam er: Er war ein junger Mann voll jugendlichem Überschwang, aber sein Handwerk verstand er von Grund auf. Er hieß Lacombe. Seit Jahren hatte ich keinen so gesunden, glücklichen Menschen mehr gesehen. Er scherzte mit mir, meinen Männern, den auf den Gleisen beschäftigten Eingeborenen, und um ein Haar hätte er auch mit der giftigen Spinne geschäkert, die er eines Abends beim Schlafengehen in seinem Bett vorfand. Geduld, sagte ich mir, das Lachen vergeht ihm schon noch. Gegen gute Laune gibt es nichts Wirksameres als den Urwald von Annam. Diese traurige Erfahrung hatte ich selbst gemacht.
Und tatsächlich, nach einiger Zeit verging ihm das Lachen. Er lachte immer weniger und am Ende überhaupt nicht mehr. Er konnte nicht mehr schlafen und stand nachts vor seinem Zelt: Ich sah im Dunkeln seine glühende Zigarettenspitze. Ich muß allerdings zugeben, daß er hart arbeitete. Von morgens bis abends schleppte er sich mit der Karte in der Hand durch den Schmutz, um dem Urwald ein paar unselige Meter Bahnlinie abzutrotzen. Und die Zeit drängte: Wir mußten die Strecke soweit wie möglich vorantreiben, bevor die Regenzeit einsetzte und die Arbeiten monatelang unterbrach. All dies war nicht wirklich von der Art, ihn die Welt durch eine rose Brille sehen zu lassen, dachte ich. Aber ich täuschte mich. Es waren keineswegs diese
Sorgen, die ihm auf die Stimmung drückten. Eines Abends kam er in mein Zelt gestürmt und stieß einen Freudenschrei aus:
»Sie kommt, Fabiani!« rief er. »Sie kommt!«
Er fuchtelte mit dem Brief, den die Lokomotive für ihn aus Saigon mitgebracht hatte, unter meiner Nase herum.
»Wer?« fragte ich.
»Meine Frau, altes Haus. Simone! Sie ist schon unterwegs. Du wirst sehen, sie ist eine tolle Frau. Und mutig … Du wirst sie bestimmt mögen, da bin ich mir sicher. Man muß sie einfach gernhaben!«
Und so landete die kleine Frau bei uns, mit einem sagenhaften Aufgebot an Koffern und einem Pekinesen. Ja, sie brachte ihren Pekinesen mit! Lacombe stellte mich vor:
»Sergent Fabiani, mein einziger Freund hier.«
Ich drückte ihre Hand. Zum ersten Mal seit Jahren drückte ich eine so winzige, so weiße Hand.
»Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Sergeant«, sagte sie. »Mein Mann hat Sie in seinen Briefen oft erwähnt, und ich muß sagen, Sie sehen wirklich sehr sympathisch aus!«
Ob Sie es glauben oder nicht, Monsieur, aber ich wurde rot. Lacombe bemerkte es sofort.
»Sieh mal, Simone, er ist rot geworden. Das ist ja unglaublich!«
»Ich denke, wir werden gute Freunde werden, Sergeant. Sie werden sehen, ich bin ein nettes Mädchen. Hier, ich überlasse Ihnen für heute Nini. Das ist ein Vertrauensbeweis!«
Sie drückte mir ihren Pekinesen in die Hand! Um sie nicht zu verärgern, mußte ich ihn den ganzen Tag behalten. Allerdings glaube ich, daß sie das absichtlich getan hatte, um mich in den Augen meiner Männer lächerlich zu machen. Und das war ihr auf bewundernswerte Weise gelungen. Ich muß Ihnen sagen, daß ich über ihre Ankunft alles andere als begeistert war. Eine Frau im Busch bringt immer Probleme mit sich. Noch dazu eine wie sie! Sämtliche Verrücktheiten, die ihr durch den Kopf gingen, setzte sie augenblicklich in die Tat um. Sie hatte ein Grammophon sowie einen ganzen Koffer voller Schallplatten mitgebracht und machte den
ganzen Tag Musik. Es waren Tanzlieder, ein unerträgliches Spektakel, das ich entsetzlich fand. Als meine armen Ohren es nicht länger ertrugen, floh ich aus dem Lager und schlug mich in den Busch, um es nicht mehr hören zu müssen. Aber sie gab sich nicht mit der Musik zufrieden. Einmal suchte sie mich zur Mittagszeit, als ich gerade eine Siesta machte, in meinem Zelt auf.
»Entschuldigen Sie, daß ich Sie störe, Sergeant«, sagte sie. »Könnten Sie mir einen Gefallen tun?«
»Gewiß, Madame. Worum geht es?«
»Also, ich wollte Sie bitten, daß Sie Ihren Männern erlauben, an den kleinen Tanzpartys teilzunehmen, die ich künftig jeden Sonntag veranstalten möchte.«
Mich überrascht nichts so leicht, aber ich bekam geschlagene fünf Minuten den Mund nicht zu.
»Dann sind Sie also einverstanden? Sergeant, Sie sind ein Engel!
(...)
Aus dem Englischen und Französischen
von Carina von Enzenberg und
Giò Waeckerlin Induni
© Éditions de l’Herne, 2005
© der deutschsprachigen Ausgabe:
SchirmerGraf Verlag, München 2006