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Russell H. Greenan
In Boston?



Mit einem Nachwort von Jonathan Lethem
Aus dem Amerikanischen von pociao




Jeder Mensch lebt sein Leben auf besondere, ganz eigene Weise. Selbst das geölteste, präzise eingestellte Rädchen im komplexen Getriebe der modernen Gesellschaft – und so eins bin ich nicht, sosehr ich auch die Ordnung liebe – hat einen einzigartigen Kern, der es von allen anderen ringsum unterscheidet. Dieses innere Ich existiert nur für sich selbst und liegt auf ewig im Streit mit den inneren Ichs der anderen.
Abgesehen von Sonn- und Feiertagen verläuft meine tägliche Routine fast immer gleich. Ich stehe früh auf, wasche mich, mache mir Frühstück – ein hartgekochtes Ei und Kaffee – und gehe hinaus in den Park. Dort träume ich vor mich hin. Gestern war ich in Venedig, an dem Tag im Jahre 1380, als die Nachricht des großen Sieges von Chioggia die Stadt erreichte. Ich war Guido Pochi, von Beruf Sattler. Alle Nachbarn hatten sich in meinem Laden versammelt. Wir sangen und lachten, und ich unter hielt sie, indem ich mich mit den Zähnen an einem von der Decke hängenden Lederriemen festhielt und freischwebend um die eigene Achse drehte. Wir tranken viele Schalen Rotwein – auch meine Frau Angie.
Hier möchte ich eine Erläuterung einflechten. Seit etwa einem Jahr habe ich eine komische Fähigkeit entwickelt – eine Art Bewußtseinsverschiebung. Diese seltsame Gabe, die ich vermutlich mit wenigen Menschen auf dieser Welt gemeinsam habe, ermöglicht es mir, verschiedene Orte in Zeit und Raum aufzusuchen und dort eine entsprechende fremde Identität anzunehmen. Das alles begann ohne Vorwarnung eines Abends, als ich auf dem Bett lag und die Biographie von Cagliostro las. Plötzlich fand ich mich an Bord eines Schiffes auf einem sonnenbeschienenen Meer wieder. Die ganze Sache dauerte nicht länger als ein paar Sekunden, aber an ihrer Authentizität bestand keinerlei Zweifel. Als ich am nächsten Tag im Park saß, wurde ich von einer Sekunde auf die andere in die asiatische Steppe versetzt, und seitdem kam es erstaunlicherweise immer häufiger zu solchen Reisen. Ich merkte, daß ich bloß eine Weile still dazusitzen brauche – möglichst im Freien –, um kurz darauf in einer anderen Welt zu landen. Dazu muß mein Geist natürlich klar und ruhig sein. Wenn er mit Gedanken verstopft ist oder ich aus irgendeinem Grund nervös bin, passiert gar nichts, egal, wie lange ich irgendwo sitze.
Mit der Zeit wurden die Ausflüge länger.
Aus einer Sekunde in Sibirien wurden ein oder zwei Minuten in Kyrene, dann eine Stunde in Tierra del Fuego oder im England des ehrwürdigen Baedas und zuletzt ein halber Tag in Babylon oder Bangalore. Einer meiner frühesten Ausflüge führte zu einem anderen Planeten, irgendwo ins Blaue da draußen. Ich spazierte etwa eine Viertelstunde auf einem Berg herum, der aussah, als wäre er aus Gold und zinnoberrotem Glas. Der Himmel darüber war olivgrün, mit purpurroten Wolken gesprenkelt. Eine Sonne, kaum halb so groß wie die unsere und dunkelrot wie geronnenes Blut, schwebte über dem absolut waagerechten Horizont, der unglaublich weit weg erschien.Meine Bank im öffentlichen Park ist zu einem fliegenden Teppich geworden. Er trägt mich ohne Rücksicht auf Karten oder Kalender durch das Universum. Ich sitze mit offenen Augen da, die Leute schlendern direkt vor meiner Nase vorbei, überall um mich herum der Lärm von Autos, Kindern und Vögeln, die Bostoner Sonne wärmt mir den Rücken, eine Bostoner Brise streift meine Wange – und doch bin ich woanders. Ich esse Austern mit Masséna in Nizza. Ich verprügele meine Frau auf Panay. Ich werfe einen Speer in der Schlacht von Pydna, unterhalte mich mit Zurbarán oder backe Brot in Neopolis. In Djibouti spiele ich Bezique, in Djambi schlage ich Fliegen tot. Ich fliehe vor den Medern in Thessalien oder jage goldene Eidechsen in der blauen Wüste einer anderen Welt; ich küsse eine Frau in Peru, ich streite mit Numa, fische im Bottnischen Meerbusen, bete in Kathmandu oder fahre mit Arnold den Kennebec hinauf.
Doch so authentisch diese geistigen Ortswechsel auch sind, ein kleiner Teil meines Bewußtseins verbleibt hier in meinem Körper auf der Bank. Sollte mich jemand ansprechen, bin ich keineswegs überrascht, sondern antworte sofort, mühelos und verständlich. Dann aber ist der Faden gerissen, und ich kann nicht mehr zum Schauplatz meines Traums zurück.
...


(c) der deutschsprachigen Ausgabe SchirmerGraf Verlag München, 2007