SchimerGraf Verlag

Navigation

Inhalt

Sybille Bedford
Treibsand

Warum Sanary, könnte man fragen. Heute, mehr als fünfzig Jahre danach, genießt dieser bescheidene Fischerort eine Art nachträgliche Berühmtheit und taucht in Büchern und Filmen als »zeitweilige Hauptstadt der deutschen Literatur« auf. An vielen Villen und Pensionen prangt eine blaue Tafel, die an einen bedeutenden oder inzwischen verblaßten Namen erinnert. (Im Touristenbüro liegen dreisprachige Broschüren mit Zeittafel und Stadtplan aus.) Welche Laune des Schicksals mochte diese Heerscharen der haute culture (wie wir sie gern nannten, die
Zugereisten, hauptsächlich Pariser und Angelsachsen) dazu gebracht haben, ausgerechnet in diesem verschlafenen Nest Zuflucht zu suchen? Eine bewußte Entscheidung kann es kaum gewesen sein. Es war ein Schritt, der weder in die Ferien noch in eine Zukunft führte. Zuviel und zuwenig Gepäck, um gleich in eine große Stadt einzutauchen? Ostern stand vor der Tür … der Sommer … Man brauchte einen stillen, nicht allzu teuren Ort, wo man seine Arbeit fortsetzen, sich die nächsten Schritte überlegen konnte …   In jenem Frühjahr nach der Machtergreifung der Nazis waren Thomas Mann und seine Frau nicht in München, sondern auf einer Vortragsreise in Schweden. Er hatte ursprünglich nach Deutschland zurückkehren und bleiben wollen – er, der Repräsentant des deutschen Humanismus, betrachtete das als seine Pflicht. Seine eigene Sicherheit stand für ihn außer Frage, er machte sich keine Sorgen. Seine beiden ältesten Kinder, Klaus und Erika, sahen das völlig anders. Der Nobelpreis mochte ihrem Vater einen gewissen Schutz bieten, durch seine Anwesenheit würde er das Regime aber legitimieren helfen. Sie widersetzten sich der (keineswegs geringen) väterlichen Autorität und versuchten, über ungewisse Telephonverbindungen ins Ausland, ihm seinen naiven und womöglich fatalen Irrtum vor Augen zu führen. Mit Erfolg. Thomas Mann flog von Stockholm über deutsches Staatsgebiet hinweg nach Frankreich. (Was sich während dieses Fluges ereignete, gehört in die Geschichtsbücher, nicht hierher.)
   Die Mann-Kinder. Wer damals von ihnen sprach oder über sie schrieb – und das geschah nicht selten in ihren frühen und glamourösen Jahren –, meinte die ältesten. Klaus und Erika, entschiedene Hitler-Gegner, vorausschauend, kämpferisch, waren schon seit einigen Jahren im Exil. Erika leitete die »Pfeffermühle«, ein politisches Kabarett in Zürich, und Klaus, der sich in Frankreich überaus wohl fühlte, pendelte zwischen Paris und der Côte d’Azur, schrieb seine Romane in Hotelzimmern, rauchte in Toulon Opium mit Jean Cocteau. Natürlich glaubte er, daß diese Gegend ein passendes Refugium für seine verehrten Eltern und die jüngeren Geschwister sei. Es mußte ja nicht gerade Toulon sein. Oder Villefranche, Vergnügungspark amerikanischer Matrosen und für Klaus ein zweites Zuhause. Also fuhr er mit Erika, der fixen und patenten, in ihrem kleinen Roadster los, um westlich von Toulon etwas Geeignetes zu finden: ein kleines Fischernest mit Sommertouristen – ohne Matrosen, ohne Opium.
   Die erste Ortschaft bestand aus einer Reihe von Werften, die zweite erwies sich als Blumenzentrum, wo en primeur überall Nelken wuchsen, der nächste Ort hieß Sanary-sur-mer und sah schon besser aus. Die beiden hatten sich überlegt, Rat bei einem Altersgenossen ihres Vaters einzuholen, dem Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe, der zu Beginn des Jahrhunderts nach Spanien gereist war, um Velázquez zu studieren, und fasziniert von El Greco (dem ein paar Jahrhunderte lang in Vergessenheit Geratenen) zurückgekehrt war. Er wohnte mit seiner blutjungen vierten Frau – die er dazu gebracht hatte, aus ihrem Schweizer Mädcheninternat wegzulaufen und die, verfolgt von Telephon und Polizei, mit ihm durchgebr gebrannt war – in der Nähe, und die beiden Manns dachten, daß sie unterwegs schon jemanden finden würden, der sie hinführen könnte. Die Manns, ob jung oder alt, waren es gewohnt, Menschen zu begegnen, die sie kannten oder denen sie bekannt waren. Die beiden klingelten zufällig an der Toreinfahrt eines Hauses an der Hauptstraße, in dem ich vorübergehend wohnte. Es war gegen Ende der Siesta. Ich sah zwei junge Menschen in einem Cabriolet, gutaussehend, von der Reise ein wenig zerzaust. Ich hatte keine Vorstellung, wer sie waren. Sie sagten es mir.
   »Sie haben es also geschafft«, sagte ich.

 

© der deutschsprachigen Ausgabe: SchirmerGraf Verlag, München 2006
Übersetzung: Matthias Fienbork