Romain Gary
Frühes Versprechen
Der berühmteste autobiographische Roman von Romain Gary in neuer
Übersetzung. Die unerhörte Geschichte einer Frau, die ehrgeizig und
unerschütterlich eine strahlende Zukunft für Ihren einzigen Sohn ausmalt und
am Ende Recht bekommt. mehr >>>
Mit dreizehn, glaube ich, habe ich zum ersten Mal meine Berufung geahnt.
Ich besuchte damals die dritte Klasse am Gymnasium von Nizza, und meine Mutter hatte im Hotel Négresco eine der »Vitrinen« auf den Korridoren gemietet, wo sie modische Accessoires ausstellte, die die Luxusgeschäfte ihr in Kommission gaben; sie bekam für jede verkaufte Bluse, für jeden verkauften Gürtel oder Schal zehn Prozent Vermittlungsprovision. Ab und zu nahm sie eine kleine unerlaubte Preiserhöhung vor und steckte die Differenz in die eigene Tasche. Sie lauerte den ganzen Tag auf mögliche Kunden und rauchte nervös unzählige Gauloises, denn unser täglich Brot hing damals von diesem unsicheren Geschäft ab.
Allein, ohne Ehemann, ohne Liebhaber, kämpfte sie schon seit dreißig Jahren mutig, um jeden Monat unser Auskommen zu sichern, um die Butter zu bezahlen, die Schuhe, die Miete, die Kleider, das Steak zum Mittagessen – dieses Steak, das sie jeden Tag fast feierlich auf dem Teller vor mich hinstellte, als sei es der Beweis ihres Sieges über das widrige Geschick. Ich kam aus der Schule und setzte mich zu Tisch. Meine Mutter stand daneben und sah mir beim Essen mit dem zufriedenen Blick einer ihre Jungen säugenden Hündin zu.
Sie weigerte sich, das Steak anzurühren, beteuerte, sie möge nur Gemüse, und Fleisch und Fette seien ihr strikt untersagt. Eines Tages stand ich vom Tisch auf und ging in die Küche ein Glas Wasser trinken. Meine Mutter saß auf einem Schemel; sie hielt die Pfanne auf den Knien, in der mein Steak gebraten worden war. Sie wischte den Pfannenboden sorgfältig mit Brotstücken auf, die sie dann gierig verschlang, und obwohl sie die Pfanne rasch unter der Serviette versteckte, erfasste ich blitzartig die ganze Wahrheit über den wirklichen Grund ihrer vegetarischen Diät.
Ich stand einen Moment versteinert da, betrachtete fassungslos die halb unter der Serviette versteckte Pfanne und das schuldbewusste Lächeln meiner Mutter, dann brach ich in Schluchzen aus und rannte davon. Am Ende der Avenue Shakespeare, wo wir damals wohnten, verlief ein hoher, fast senkrechter Damm die Eisenbahnlinie entlang, und dorthin rannte ich mich verstecken. Ich dachte kurz daran, mich vor den Zug zu werfen und mich so meiner Beschämung und meiner Hilflosigkeit zu entziehen, doch gleich darauf flammte wilde Entschlossenheit in mir auf: Ja, ich würde die Welt wieder in Ordnung bringen und sie eines Tages, gerecht, glücklich und ihrer würdig, meiner Mutter zu Füßen legen. Das Gesicht in den Armen vergraben, überließ ich mich ganz meinem Kummer, doch die Tränen, die so oft meinen Schmerz gestillt hatten, brachten mir diesmal keinen Trost. Ein unerträgliches Gefühl von Entbehrung, Entmännlichung, von Lähmung nahm von mir Besitz; je älter ich wurde, desto mehr wuchs meine Frustration, und mein verschwommenes kindliches Bestreben verblasste nicht etwa, sondern verwandelte sich nach und nach in ein Verlangen, das weder Frau noch Kunst je würden stillen können. Ich saß weinend im Gras, als ich meine Mutter oben am Damm auftauchen sah. Ich weiß nicht, wie sie die Stelle entdeckt hatte: Niemand kam je hierher. Ich sah, wie sie sich bückte, unter den Drahtzaun hindurchschlüpfte und, die ewige Gauloise in der Hand, zu mir hinunterkletterte … und in ihrem Haar war lauter Licht und Himmel. Sie setzte sich neben mich.
»Weine nicht.«
»Lass mich.«
»Weine nicht. Ich bitte dich um Verzeihung. Du bist jetzt ein Mann. Ich habe dir Kummer bereitet.«
»Lass mich, sag ich.«
Ein Zug donnerte vorbei. Mir kam es plötzlich vor, als sei es mein Schmerz, der das Getöse auslöste.
»Ich tue es nie wieder.«
Ich beruhigte mich etwas. Wir saßen beide auf dem Damm, die Arme um die Knie verschränkt, und schauten auf die gegenüberliegende Seite. Eine kleine Ziege war an einen Baum gebunden. Es war ein Mimosenbaum. Die Mimose stand in voller Blüte. Der Himmel war tiefblau, und die Sonne tat ihr Möglichstes. Plötzlich dachte ich, dass die Welt einen gern hinters Licht führt. Das war mein erster Erwachsenengedanke, an den ich mich erinnere.
Meine Mutter hielt mir das Gauloises-Päckchen hin.
»Willst eine Zigarette?«
»Nein.«
Sie bemühte sich, mich wie einen Mann zu behandeln. Vielleicht hatte sie es eilig. Sie war bereits einundfünfzig. Ein schwieriges Alter, wenn man nur ein Kind als einzige Stütze im Leben hat.
»Hast heute geschrieben?«
Seit über einem Jahr »schrieb« ich. Ich hatte bereits mehrere Schulhefte mit meinen Gedichten vollgeschrieben. Ich schrieb Buchstabe um Buchstabe in Druckschrift ab, damit es aussah, als seien sie veröffentlicht.
»Ja, ich habe ein langes philosophisches Gedicht über die Reinkarnation und die Seelenwanderung angefangen.«
Sie nickte, was »gut« bedeutete.
»Und in der Schule?«
»In Mathe habe ich eine Null bekommen.«
Meine Mutter überlegte und meinte dann: »Man versteht dich nicht.«
Ich war ziemlich ihrer Meinung. In meinen Augen war die Hartnäckigkeit, mit der die Lehrer mir in den naturwissenschaftlichen Fächern Nullen erteilten, krasse Unwissenheit.
»Es wird ihnen noch leidtun«, sagte meine Mutter.
»Sie werden es noch bedauern. Eines Tages wird dein Name in goldenen Lettern an den Wänden des Gymnasiums eingraviert sein. Ich werde morgen bei ihnen vorsprechen und ihnen sagen …«
Ich erschauerte.
»Mama, ich verbiete es dir. Blamier mich nicht schon wieder.«
»Ich werde ihnen deine neusten Gedichte vorlesen. Ich war einst eine berühmte Schauspielerin, ich weiß, wie man Gedichte rezitiert. Du wirst D’Annunzio werden! Victor Hugo! Nobelpreisträger!«
»Mama, ich verbiete dir, mit den Lehrern zu sprechen.«
Sie hörte mir nicht zu. Ihr Blick verlor sich in der Ferne, und ein glückliches, naives und zugleich vertrauensvolles Lächeln umspielte ihre Lippen, als hätten ihre Augen die Zukunftsnebel durchdrungen, als sähe sie plötzlich ihren Sohn als erwachsenen Mann, wie er, ruhm-, erfolg- und ehrenbedeckt, in Paradeuniform langsam die Stufen des Pantheons (ja, ich weiß) hinaufschreitet.
»Die Frauen werden dir zu Füßen liegen«, beschloss sie kategorisch und fuhr suchend mit ihrer Zigarette über den Himmel.
Der Zwölf-Uhr-fünfzig aus Ventimiglia brauste in einer Rauchwolke vorbei. Die Reisenden an den Wagenfenstern fragten sich wahrscheinlich, was denn die zum Himmel blickende grauhaarige Dame und das traurige Kind, das immer noch seine Tränen trocknete,
so aufmerksam betrachteten.
Meine Mutter dachte angestrengt nach. »Wir werden ein Pseudonym finden müssen«, sagte sie entschlossen.
»Ein großer französischer Schriftsteller kann doch keinen russischen Namen tragen! Wärst ein Geigenvirtuose, würde ein russischer Name sehr gut passen, aber für einen Titanen der französischen Literatur geht das unmöglich …«
Für einmal stimmte ihr der »Titan der französischen Literatur« völlig zu. Seit sechs Monaten verbrachte ich jeden Tag Stunden damit, Pseudonyme »zu testen«. Ich kalligrafierte sie mit roter Tinte in ein besonderes Heft. An jenem Morgen war meine Wahl auf Hubert de la Vallée gefallen, eine halbe Stunde später war ich wiederum dem nostalgischen Charme von Romain de Roncevaux erlegen. Romain, mein wirklicher Name, schien mir an und für sich den Ansprüchen zu genügen. Leider gab es bereits einen Romain Rolland, und ich war nicht gewillt, meinen Ruhm mit wem auch immer zu teilen.
Schwierig, das alles. Das Dumme an einem Pseudonym ist, dass es nie alles ausdrücken kann, was man in sich spürt. Ich folgerte daraus, dass ein Pseudonym allein nicht reicht, um sich literarisch auszudrücken, nein, man musste auch noch Bücher schreiben. »Wärst ein Geigenvirtuose, würde der Name Kacew sehr gut passen«, wiederholte meine Mutter seufzend.
Die Geschichte mit dem »Geigenvirtuosen« war für sie eine riesige Enttäuschung gewesen, und ich fühlte mich seither wirklich schuldig. Das Ganze beruhte wohl auf einem Missverständnis zwischen dem Schicksal und meiner Mutter, das sie sich überhaupt nicht erklären konnte. Da sie immer davon geträumt hatte, eine berühmte Schauspielerin zu werden, erwartete sie nun alles von mir und suchte nach einer wundersamen Abkürzung, die uns beide »zu Ruhm und Triumph« führen würde – sie schreckte vor keinem Klischee zurück, was weniger auf die Banalität ihres Vokabulars zurückzuführen war, als vielmehr ein Zeichen der Unterwerfung
war, um sich der Gesellschaft ihrer Zeit, ihren Werten, ihren Goldmaßstäben zu fügen (zwischen den Klischees, den Floskeln, der geltenden sozialen Ordnung und der Anpassungsbereitschaft an die vorherrschende Meinung besteht ein Zusammenhang, der die Sprache übersteigt); also hatte sich zuerst in der Hoffnung gewiegt, dass aus mir ein Wunderkind werden würde, eine Mischung aus Jascha Heifetz und Yehudi Menuhin, die damals im Zenit ihres jugendlichen Ruhmes standen. Ich war noch kaum sieben, als eine Geige erworben wurde, ein Gelegenheitskauf in einem Geschäft in Wilna, wo wir uns damals vorübergehend niedergelassen hatten, und ich wurde feierlich zu einem kränklichen, schwarzgekleideten Mann mit langen Haaren gebracht, den meine Mutter ehrfürchtig flüsternd »Maestro« nannte. Danach ging ich – mit der Geige in einem ockerfarbenen Kasten, der mit violettem Samt ausgeschlagen war – tapfer zweimal die Woche allein hin.
Ich habe den »Maestro« bloß als einen ungläubig staunenden Mann in Erinnerung behalten, der sich jedes Mal, wenn ich meinen Bogen in die Hand nahm, die Ohren zuhielt und ein verzweifeltes »Ai-Ai-Ai« ausstieß, das heute noch in mir nachklingt. Ich glaube, er war ein Mensch, der unendlich unter der Har onielosigkeit der Welt litt, einer Harmonielosigkeit, in der ich in den drei Wochen meines Unterrichts bei ihm vermutlich eine nicht unwesentliche Rolle gespielt habe. Am Ende der dritten Woche riss er mir Bogen und Geige aus den Händen, sagte, er werde mit meiner Mutter sprechen, und schickte mich nach Hause. Ich habe nie erfahren, was er meiner Mutter gesagt hat, doch sie verbrachte mehrere Tage mit Seufzen und vorwurfsvollen Blicken, und zwischendurch drückte sie mich in in einer mitleidvollen Anwandlung an sich.
Ein großer Traum war entflogen.
Romain Gary, Frühes Versprechen
Aus dem Französischen von Giò Waeckerlin Induni
Mit einem Nachwort von Sven Crefeld
ISBN 978-3-86555-049-1
© Éditions Gallimard, Paris 1960,
1980 für die Ausgabe letzter Hand
© der deutschsprachigen Neuausgabe:
SchirmerGraf Verlag, München 2008