SchimerGraf Verlag

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1 Ich träume von einem Drachen mit Kaninchenlippen. Der katholische Suppenwürfel. Ich zeige euch die Schädelstätte. Die Tantenführung. Ich drehe mich wie ein Rad.


Daß etwas mit mir nicht stimmte, merkte ich daran, daß ich wieder diese Träume hatte. Ich werde sie euch nicht erzählen. Nur soviel, damit ihr ein Bild habt. Schwester Gemeinnutz kam darin vor, meine frühere Erzieherin, die mich zwei Jahre lang gequält hat, die ersten zwei Jahre auf dem Collegium Aureum. Schwester Gemeinnutz war ein grauer Drache mit Kaninchenlippen. In meinen Träumen trug sie ihr Nonnenhabit, aber es war länger und flatterte viel stärker, als ich es in Wirklichkeit je gesehen hatte. Ungefähr so wie ein Drache mit Kaninchenlippen, der Nonnensachen anhat und damit hoch in die Lüfte steigt und bei starkem Gegenwind seine Runden dreht.
Bitte! rief ich in meinen Träumen, und meine Stimme war wie das Piepsen einer Maus. Bitte! flieg davon! Verpiß dich! Laß mich in Ruhe!
Aber der graue Drache drehte nur seine Runden, und dann legte er sich in die Kurve, ließ die Flügel lässig ausschwingen und kehrte zurück. Seine Augen glühten, und ich konnte seine Kiefernknochen arbeiten sehen. Er schoß so dicht über meinen Kopf hinweg, daß ich mich ducken mußte. Ich glaube, er stank auch ein bißchen.
Jetzt kommt das Komische. Je stärker der Wind blies, desto böser guckte der Drache. Als gäbe der Wind ihm Nahrung. Ich wußte ja, wie Schwester Gemeinnutz gucken konnte, ich kannte diesen Blick, kalt und glühend zugleich. So guckte sie immer, wenn sie uns im Gruppenraum beim Abendgebet musterte und nachzählte, ob alle da waren. Oder wenn sie überlegte, wer bei der Gewissenserforschung vorsprechen durfte. Oder wenn sie sich fragte, wer bei der Wahrheitserforschung in die Mitte des Stuhlkreises treten mußte, damit die anderen über ihn die Wahrheit sagten, auch gemeine und häßliche Wahrheiten, die niemand über sich selber hören will. Auch die Schande. Es muß im Gruppenraum alles heraus, sagte Schwester Gemeinnutz. Alles muß ans Licht des Herrn.
Aber ich dachte in den ersten zwei Jahren auf der Insel der Verzweiflung nur daran, wie ich alles, was mich betraf, einsperren und verbergen konnte. Ich wollte nicht, daß der Herr es sieht. Weil ich nicht wollte, daß Schwester Gemeinnutz es sieht. Ich dachte, wenn ich es dem Herrn zeige, zeige ich es auch Schwester Gemeinnutz, und das wollte ich nicht. Es gab einfach keinen Weg zum Herrn, ohne daß Schwester Gemeinnutz davon erfahren hätte. Schwester Gemeinnutz war immer schon da. Ich war zehn, als ich das dachte. Und ich dachte es mindestens zwei Jahre lang.
Marko! rief die Stimme von Schwester Gemeinnutz aus den Höhen herunter, in denen sie mümmelnd herum segelte. Denkst du an die Gruppe? Oder denkst du nur an dich? Gemeinnutz geht vor Eigennutz!
Das war auf der Insel der Verzweiflung immer die Frage. Dachte ich an die Gruppe? Oder dachte ich nur an mich? Wir waren vierundvierzig zehnjährige Jungen, als wir auf dem Collegium Aureum anfingen. Auch später fragte ich mich oft, wieviel ich an die anderen dreiundvierzig Jungen gedacht hatte. Ob es genug gewesen war oder ob ich an ihnen nicht etwas Wichtiges versäumt hatte.
Natürlich hätte ich Tilo und Motte fragen können, ob sie fanden, daß ich an ihnen etwas versäumt hatte. Aber ich fragte sie nicht. Wahrscheinlich hätte Tilo gesagt: Mann, bist du bescheuert? Und Motte hätte gesagt: Hast du sie noch alle? Brauchst du Hilfe?
Mann, damals hätte ich Hilfe gebrauchen können. Damals hatten wir gegen alle Zweifel das Abendgebet, aber es war zu wenig, fand ich.
Jeden Abend mußten wir in den Gruppenraum kommen, und wenn alles besprochen und geregelt, wenn das bißchen Lob und die große Menge Tadel ausgeteilt waren, die unser Tag so mit sich brachte, dann beteten wir alle zusammen immer dieselben Zeilen, ein verdammter kleiner Kinderchor mit fi epsigen Stimmen und weit aufgerissenen Augen: Hab ich Unrecht heut getan, sieh es, lieber Gott, nicht an. Und am Ende: Deine Gnad und Jesu Blut macht ja allen Schaden gut.
Später lernte ich, daß es machen heißen müßte. Machen allen Schaden gut. Plural. Da seht ihr, was für einer ich war. Ich kümmerte mich um so einen blöden Grammatikfehler, während mein Leben in den Abgrund rauschte und das Leben meiner Eltern gleich dazu. So ein Idiot war ich. Ein Arsch, der sich immer um die falschen Sachen kümmerte.
Plötzlich hatte der Drache sein Aussehen verändert. Schwester Gemeinnutz trug jetzt eine Brille mit blaugetönten Gläsern, ein scheußliches Ding. Sie drehte in der Luft immer noch ihre Runden, als müßte sie nie landen oder sich ausruhen oder ins Bett gehen, und ihre Kaninchenlippen hörten gar nicht mehr auf zu mümmeln.

                                                             * * *

Bevor ich von der Schädelstätte rede, muß ich noch von einer alten Erinnerung erzählen, die in letzter Zeit öfter wieder hochkam. Ich weiß nicht, ob man Erinnerungen wiedersieht. Vielleicht sind es ja die Erinnerungen, die einen wiedersehen. Oder sie kommen an die Oberfläche wie eine Boje, die jemand mit einem Strick unter Wasser gezogen hat, bis der Strick reißt und die Boje wieder nach oben drängt, solche Sachen. Ich weiß nur, daß diese Erinnerung plötzlich wieder auftauchte und mir einen schweren Nihilismus-Anfall einbrachte. Eine dunkelgraue Wolke nahm mich der Welt weg, die Geräusche verstummten, und ich stand allein da wie auf dem Mond. Das ist das Nichts, dachte ich.
Ich war neun Jahre alt, und wir machten Ferien auf Mallorca. Sonja war zwölf, Robert war vier. Das Hotel hieß Playa Dorada und lag direkt am Strand. Vorne sah man den blauen Swimmingpool, dahinter das blaue Meer. Der Oberkellner war ein blonder Deutscher, der auf seinen spitzen Schuhen einen Plastikball hüpfen lassen konnte. Jeden Donnerstagabend gab es Tanz am Swimmingpool. Eine Musikband kam, Los Llamados, das heißt: Die Sogenannten. Sie bauten ihren Verstärker auf, stöpselten die elektrischen Gitarren ein und spielten Beatles-Lieder. Beim Singen rollten sie das r, obwohl man bei Beatles-Liedern das r gar nicht rollen darf. Am ersten Donnerstag mußte ich vor einer kleinen Rothaarigen in Deckung gehen, die mit mir tanzen wollte.
Alle fanden, wir waren eine nette Familie. Na ja, mein Vater war nicht da. Wahrscheinlich war er wegen irgendwelcher Kanzleisachen in Köln geblieben. Ich glaube, er war in diesem Sommer, als jeden Donnerstag die Sogenannten spielten, nur drei Tage bei uns. Von meiner Mutter sagten die Leute immer: eure hübsche Mutter. Meine Mutter tanzte ja auch zur Musik, sie lachte, warf das Haar zurück und ließ ihre Arm reifen klingeln. Manche Männer dort am Swimmingpool nannten sie Irene und wollten von ihr Jürgen, Siegfried oder Detlef genannt werden. Detlef kam aus Oberhausen.
An dem Nachmittag, den ich meine, war meine Mutter plötzlich verschwunden. Wir durften nachmittags immer durchs Hotel fegen, wie wir wollten, wenn wir dabei gut auf Robert  aufpaßten, wir sollten nur nicht zuviel Sonne ab bekommen. Aber als wir meine Mutter wegen irgendeiner Kleinigkeit suchten, war sie nicht da. Sie war nicht am Swimmingpool, nicht im Restaurant, nicht in der Bar, nicht im Zimmer, und wir fanden sie nirgendwo, solange wir auch suchten. Da fragten wir den blonden Deutschen, den Kellner, der draußen am Swimmingpool bediente, und wir hatten das Gefühl, er wollte uns etwas Wichtiges sagen. Aber dann guckte er aufs Meer hinaus und sagte, wir sollten uns keine Sorgen machen, es käme alles wieder ins Lot.
Irgendwann am späten Nachmittag war meine Mutter wieder da. Ihr Haar war feucht und zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie wäre drüben im Hotel Playa Blanca gewesen, sagte sie, an der Bar, um etwas zu trinken. Das Hotel Playa Blanca lag am Ende unserer kleinen Bucht, wo Leute mit schlabberigen Hosen ihre Angelruten auswarfen und magere Katzen nach Fischresten suchten. Meine Mutter sagte, wir hätten uns keine Sorgen zu machen brauchen.
Und ich dachte: Komisch, daß alle denken, wir könnten uns Sorgen machen. Sehen wir so besorgt aus? Und ich fragte Sonja danach.
Aber Sonja guckte mich böse an und sagte: Halt die Klappe.
Wir vergaßen den Nachmittag, an dem meine Mutter nicht zu finden gewesen war und plötzlich wieder auftauchte. Beim nächstenmal, als meine Mutter mit Detlef in der Bar des Hotels Playa Blanca etwas trinken wollte, sagte sie uns vorher Bescheid. Damit wir uns keine Sorgen zu  machen brauchten. Am Donnerstag spielten dann die Sogenannten. So kam alles wieder ins Lot.

                                                             * * *

»Theunissen.«
Münzen rutschten durch den Schacht des alten Telefonapparats.
»Papa?«
»Marko! Da bist du ja. Ich hatte schon früher mit deinem Anruf gerechnet. Hast du Nachrichten von Robert?«
»Papa, es ist der zweite Tag. Ich meine, die haben im Juvenat ein bestimmtes Programm, da kommen hundert neue Kinder. Große Brüder sind da nicht vorgesehen …«
»Ich dachte, du hättest die Gelegenheit wahrgenommen, ihn zu besuchen.« Er klang, als läse er Notizen ab.
»Was heißt wahrgenommen? Da war nichts wahrzun–«
»Es heißt, sich kümmern, dachte ich. Sich die Mühe machen, einmal ins Juvenat hinüberzugehen, das Gespräch mit der Schwester zu suchen, wie war ihr Name noch, Sieglinde?«
»Das Gespräch mit der Schw–«
»… Schwester Sieglinde, ja, und sich bei ihr zu erkundigen, wie er die ersten Tage überstanden hat. Um dieser Schwester Sieglinde zu zeigen, daß wir da sind. Sicherlich wird Robert
das hervorragend machen, niemand zweifelt daran. Aber es hätte ihn gestärkt, meinst du nicht? Wir hatten doch darüber geredet, Marko. Du sagtest, an dir sei damals etwas versäumt worden. Ich weiß zwar nicht, was das gewesen sein könnte. Aber ich bin bereit, daraus zu lernen.«
»Papa, bitte! Das Gespräch mit der Schwester zu suchen! Ich sage dir doch, das ist nicht vorgesehen. Die sind auf der anderen Seite des Grabens, da geht man nicht einfach rüber und
sagt hallo! Ihr zu zeigen, daß wir da sind? Papa, bitte! Ich bin da. Robert ist da. Aber du bist in Köln. Es war nicht meine Idee, Robert aufs Collegium zu schicken.«
»Was soll das heißen? Daß du ihn reinen Gewissens im Stich läßt?« Er blieb ruhig, mein Vater. Mein Vater war Notar. Er probierte nur andere Argumente aus. »Ich würde gern wissen, was du für ihn zu tun gedenkst.«
Ich warf fünfzig Pfennig nach, legte die Stirn gegen den verdammten Münzautomaten und schloß die Augen. Dann guckte ich nach draußen. Das alte Telefonhäuschen mit der verrottenden Holztür stand schräg gegenüber vom Waschhaus. Vormittags quollen die Dämpfe der Heißmangel aus den halbgeöffneten blinden Scheiben. Aber abends quoll da gar nichts.
»Marko? Bist du noch da?«
»Kann ich mit Mama sprechen?«
»Mama ist nicht da. Sie ist eingeladen. Es könnte spät werden.«
Warum gehst du nicht mal mit? Dauernd ist sie eingeladen, und du hockst zu Hause.«
»Ich hocke nicht zu Hause«, sagte er.
Ich guckte zum Waschhaus hinüber und hatte Lust, mich in irgendeine leere Wanne zu legen. »Ich habe aber stark den Eindruck, daß du zu Hause hockst.«
»Dein starker Eindruck ist falsch. Ich weiß mich sinnvoll zu beschäftigen.«
»Du hast dir bestimmt Akten mit nach Hause gebracht. Du solltest auch mal zu diesen Einladungen gehen.«
»Marko. Bitte.«
»Was sind das überhaupt für Einladungen?«
»Zum Thema. Was gedenkst du für Robert zu tun?«
»Mensch, Papa, was ich zu tun gedenke ? Du müßtest dich … Mist, mein Geld ist gleich zu Ende.«
»Warte, Marko. Ruf morgen an, mit Nachrichten von Robert.«
»Mal sehen.«
»Morgen, hörst du? Er zählt auf dich.«
»Wenigstens einer, der auf mich zählt. Tschau.«
»Was soll das heißen?«
»Tschau. Die Münzen sind gleich … hallo? Papa? Scheißding.
« Ich gab dem Apparat eins aufs Haupt. Er steckte es ein, ohne zu zucken.
Ich marschierte zurück. Draußen guckten mich die blinden Scheiben des Waschhauses an. Am Abendhimmel war kaum etwas zu sehen, aber ich war mir sicher, irgendwo hinter den Bäumen am See lauerte eine große graue Wolke, bereit, näher zu kommen und mich in den schwärzesten Nihilismus zu hüllen.

                                                             * * *

»Okay, Lucien, das ist Haus Athen«, sagte ich. »Hier wohnen wir.«
Lucien schleifte seine schwere Reisetasche über den dunklen Flur und lugte in die Zimmer. Er war ein kleiner, schwarzhaariger Bursche, Lucien Gonzalez. Der Vater war Zuckerfabrikant bei Versailles und hatte es irgendwie geschafft, daß unser Schüleraustauschprogramm wieder  ausgegraben wurde, damit Lucien ein Jahr auf das Collegium gehen konnte. Vielleicht war auch eine Spende geflossen. Die Franzosen schickten einen Schüler, einen einzigen, und wir schickten niemanden. Der Junge sprach ziemlich gut deutsch, mit diesem Akzent, den Mädchen süß finden. Aber Lucien war in Ordnung, ein hübscher Gauner, der uns alle in die Tasche steckte. Das merkte ich, als er seine Gitanes aus der Jacke zog.
»He, bist du bescheuert? Hier doch nicht! Steck das weg.«
Ich schob ihn in sein Zimmer. »Okay, du schläfst oben, da hast du Ruhe. Über die Hühnerleiter, siehst du?«
»Hühnerleiter?« Er lächelte sein überlegenes, wohlerzogenes Lächeln.
»So heißen die, Lucien. Schaff dir ein Vokabelheft an.«
»Ich habe ein Vokabelheft.«
»Okay, leb dich erst mal ein. Ganz wichtig, steck dir da oben keine Gitane an. Du machst dich unglücklich. Unser Erzieher ist Bruder Hermann, der Dicke. Du hast ihn ja gesehen. Vorsicht, er schläft schlecht. Eigentlich schläft er überhaupt nicht. Achte auch auf Bruder Albertus, den mit dem roten Kopf. Und dann Bruder Gregor. Bei Bruder Gregor nur die Klappe halten und ernst gucken. So.« Ich machte mein frommes Studiergesicht. »Um vier Uhr ist Silentium, das heißt, nicht quatschen, Lucien. Nicht das Zimmer verlassen. Auf deinem Hintern hocken und arbeiten, okay? Bis zwanzig vor sieben, dann gibt’s Abendessen. Warte ab, bis du die Schädelstätte gesehen hast, die ist für einen kulinarisch orientierten Franzosen eine besondere Freude. Ach ja, abends um Punkt neun wird der Bau abgeschlossen, Haus Athen, Haus Sparta, alles. Bis zur Obersekunda rauf müssen dann alle drinnen sein und sofort auf die Zimmer gehen. Ab neun herrscht im Haus wieder Silentium. Laß dich nach neun nicht draußen packen, Lucien, das kommt schlecht an. Du hörst doch die Glocken, oder? Schlagen jede Viertelstunde. Du hörst sie auf dem ganzen Collegiumsgelände, auch am See. Uhr vergessen, das ist keine Entschuldigung.« Ich sah mich in der alten Bude um. »Okay, Lucien. Wir sind in der Bude nebenan. Tilo auch, der Große. Und Motte. Wenn du was brauchst. Aber leb dich erst mal ein.«
Womit ich meinte: Rück mir nicht auf die Pelle, alter Frenchman.

                                                             * * *

Das Collegium Aureum, Schule und Internat, war nicht nur humanistisch, es war auch musisch und altsprachlich und bischöflich. Besonders das letzte. Wir gingen viermal die Woche in die Kirche, das war das Minimum, und manche beteten zwischendurch noch mit Kerzen und Orgelmusik zur Gottesmutter. Mann, im Mai nannten sie die Gottesmutter auch noch Maienkönigin, solche Sachen. Wir hatten ja Kevelaer in der Nähe, den berühmtesten Wallfahrtsort Deutschlands. Nach oben waren der Frömmigkeit keine Grenzen gesetzt.
Das Collegium war wie ein katholischer Suppenwürfel, wenn man ihn ins Wasser wirft, damit er sich auflöst, merkt man erst, was da alles drin ist. Ich wußte wirklich nicht, wie ich das Lucien erklären sollte.
Und dann war auch klar, warum es auf der Insel der Verzweiflung keine Mädchen gab, wegen der Sünde und allem. Wenn wir gefragt wurden, warum wir auf dem Collegium waren, sagten wir: wegen der guten bischöflich-musisch-altsprachlichen Schule.
Dann wurde man manchmal gefragt: Aber das ist doch sicher sehr streng?
Und wir sagten: Geht so. Also, das war eigentlich eine Lüge, und wir hätten sie beichten müssen, wenn wir dann nicht noch mehr Ärger bekommen hätten.
Motte sah das anders. »Früher wurden die Kinder täglich geprügelt, schon mal darüber nachgedacht? Ich kann doch nicht wegen jeder Backpfeife Trauer tragen.«
»Du bist ein echter Künstler, Motte. Schiebst einfach weg, was dich beunruhigen könnte. Schon mal darüber nachgedacht?«
»Ehrlich gesagt, nein.«
»Dann tu’s mal, wie wär’s damit?«
»Keine Lust. Das bringt doch nichts.«
Und für Motte brachte es wirklich nichts. Er sagte, geht so und machte weiter. Aber immer wenn wir sagten, geht so, waren wir eigentlich zu faul, uns gegen die Erzieher zu wehren.
Das war unser Problem, wir bildeten keine gemeinsame Front. Die Erzieher hatten ihre Collegiumsordnung und ihre Collegiumsregeln und ihren Collegiumsverstand, und alles, was da nicht hineinpaßte, wurde verfolgt. Uns fielen ja jede Menge Sachen ein, die man an der Collegiumsordnung verändern konnte. Aber immer, wenn jemand etwas vorschlug, kamen die Erzieher mit ihrem Collegiumsverstand und sagten: Wenn das jeder täte. Und wenn man etwas tun wollte, was nicht in den Collegiumsregeln stand, was aber auch niemandem schadete, irgend etwas Originelles, auf das noch nie jemand gekommen war, sagten sie: Das haben wir noch nie so gemacht.
Das waren so die beiden Sprüche: Wenn das jeder täte. Und: Das haben wir noch nie so gemacht. Wir sagten dann: Es tut aber nicht jeder. Dann überlegten die Erzieher hin und her, strengten ihren Collegiumsverstand an, wackelten mit den Köpfen und sagten am Ende: Nein, es geht nicht. Das haben wir noch nie so gemacht.
Mann, wie ich den haßte, diesen Spruch. Und ich hatte keine Lust, ihn Lucien zu erklären. Daß man in Versailles oder sonstwo in der christianisierten Welt mit solchen Sprüchen durchkam, konnte ich mir einfach nicht vorstellen.
Einmal sagte ich zu Motte: »Glaubst du nicht, daß es wichtig wäre, irgend etwas zum ersten Mal zu machen? Auch wenn man noch nicht weiß, ob es gut ist oder funktioniert oder ob man es nachher nicht bereut? Hätte Lindbergh den Atlantik überflogen, wenn er sich gesagt hätte: Das haben wir noch nie so gemacht? Ich würde lieber mal etwas Neues probieren und es dann bereuen, als ständig dasselbe zu tun und nie etwas zu bereuen. Ich glaube, das bin ich meiner unsterblichen Seele schuldig.«
Motte war sich aber nicht so sicher. Er fand, die Erzieher hätten doch Erfahrung, und meistens wüßten sie sehr genau, was gut für uns ist. Deswegen waren sie doch Erzieher. Es ginge doch auch darum, Fehler zu vermeiden, die nicht wiedergutzumachen waren, sagte Motte. Wir müßten ja nicht alles toll finden. Aber das meiste wäre ziemlich durchdacht.
Das sagte er wirklich, durchdacht. Ich fragte Motte, warum er dann allen Blödsinn mitmachte, der uns einfiel, gerade die Sachen, die den Erziehern so gewaltig auf die Nerven gingen wie Rauchen oder Apfelkorn trinken oder heimlich durchs Fenster steigen, solche Sachen. Ich erwähnte noch nicht einmal die sündhaften Phantasien, die ich dauernd hatte, besonders von einem dunkelblonden Mädchen, dem ich an einem Sommertag im Weizenfeld oder im hohen Gras die Bluse aufknöpfen wollte, um ihre Brüste zu streicheln und mich an sie zu drücken, solche Sachen. Oder der ich im Winter den sandfarbenen Wollpullover hochschieben würde. Es gab ja tausend Arten, gegen die Collegiumsordnung zu verstoßen und seine unsterbliche Seele zu gefährden, in Gedanken, Worten und Werken.
Motte sagte: »Es geht eben hin und her. Man steckt ja nicht drin. Mal gewinnen die Schwatten, mal gewinnen wir.« Das wäre völlig normal, sagte Motte. Niemand gewinnt immer.
»Und wer gewinnt ganz am Ende?« fragte ich.
»Die Schwatten. Sie währen ewig.«
»Ich will aber, daß wir gewinnen. Für wen ist das Collegium denn da, für die Schwatten oder für uns?«
»Gute Frage.« Er guckte schräg über meinen Kopf hinweg ins Leere, wie er das immer machte, wenn er nachdachte. »Genaugenommen, für die Schwatten.«
Hier sind ein paar Dinge, die mir auf die Nerven gingen, ich habe sie euch aufgeschrieben, damit ich mich darauf beziehen kann. Also:

Blutwurst und Fettläppchen.
Abgeschlossene Türen.
Daß es keine Mädchen gab.
Der Marienmonat Mai.
Das Schweigegebot bei der Suppe.
Meßdiener sein, das Weihrauchfaß schwenken.
Die Kontrollgänge der Erzieher.
Daß Sonja nicht bei mir war.
Der lange Herbst.
Der lange Winter.
Die Erinnerungen an Schwester Gemeinnutz.
Die Schläge der Turmuhr zum Silentium.
Versteinerte Nußecken.
Kirchenmusik auf der Gitarre.
Die miefi gen Umkleideräume in der Schwimmhalle.
Graue Sonntagshosen.
Sonntagvormittage.
Sonntagnachmittage.
Das müde Graubrot am Sonntagabend.

                                                             * * *

Ich sage euch lieber gleich, daß die Schädelstätte einer der verrufensten Orte des ganzen Collegiums war. Genau wie der Speisesaal von Haus Sparta oder dem Juvenat. Wenn ihr Gefängnisfilme kennt, so ungefähr ging es bei uns zu. Mittendrin saßen Bruder Hermann und Bruder Gregor und versuchten, Ordnung zu halten. Aber wenn Onni den langen Sven mit Brotkügelchen beschoß, kriegte keiner von den Schwatten etwas mit. Das war das Gute an dem riesigen Speisesaal. Wir waren vielleicht zweihundert Leute, und man fiel in der Masse nicht auf. Jede Woche gab es einen neuen Tischplan. Das Schlechte war, man konnte in der Masse auch untergehen. Einer wie Sven zum Beispiel hatte von Anfang an keine Chance. Svens Eltern waren sündhaft geschieden, und man merkte es ihm auf Schritt und Tritt an.
Einmal flog Onnis Brotkügelchen in hohem Bogen über Sven hinweg, landete bei Leo Siebenwirth auf der Brille und klebte dort fest. Siebenwirth war unser Erdkundelehrer. Onni hatte das Brotkügelchen ordentlich mit Spucke eingerieben.  Als er sah, daß es bei Siebenwirth auf dem linken Brillenglas pappte, dachte er, jetzt ist er geliefert. Aber Siebenwirth schnippte das klebrige Ding einfach runter und aß weiter. Da wußten wir, daß Leo Siebenwirth nicht mehr zu helfen war. Er wußte nicht, was er in sich hineinschaufelte, und er sah nicht mehr, was ihm an der Brille klebte. Vor vielen Jahren war ihm seine Frau weggelaufen, und seitdem wohnte er bei uns im Collegium, auf einem schiefgetretenen Holzflur in der Nähe des Nonnentrakts. Manchmal sahen wir ihn in der Frühmesse. Abends hörten wir das Klingeln seines  Schlüsselbunds auf der anderen Seite von Türen, die zum Nonnentrakt gehörten und von uns nicht geöffnet werden konnten. Er schlurfte umher wie ein Pensionär, obwohl er dafür viel zu jung war. Er gehörte zu uns und doch nicht zu uns. Ich glaube, Siebenwirth wollte nur noch seine Ruhe haben, vor allem vor den Frauen.
Jetzt zur Ernährung, dem eigentlichen Schrecken der Schädelstätte. Nach einem einzigen Blick auf den Speiseplan der Woche wüßtet ihr Bescheid. Dienstags zum Beispiel gab es Himmel und Erde, eine niederrheinische Spezialität, Blutwurst mit Kartoffeln und Apfelmus. Ihr findet sie auf meiner Liste. Die Blutwurst war eine kleine schwarze Platte. Sie war so schwarz und hart, daß kein Apfelmus der Welt ihr Herz erweicht hätte. Wenn ich sah, wie sich andere die schwarzen
Stücke in den Mund schoben und kräftig zu kauen begannen, damit die Blutwurst schön zerkleinert und als schwarzer Matsch in ihrem verdammten Magen landete, wäre ich am liebsten schreiend aus dem Speisesaal gerannt. Wißt ihr noch, was Freitag ruft, als er dem alten Robinson sagen will, daß drei Kanus mit Kannibalen an der Küste ihrer einsamen Insel gelandet
sind? O Herr! O Herr! O Jammer! O schlimm! Das ruft Freitag. Und dann sagt er noch: Ich sterben, wenn Ihr befehlen zu sterben, Herr.
Genauso fühlte ich mich, wenn die schwarzen Blutwurstplatten an der Küste der Schädelstätte landeten. Wie Kannibalen sprangen die Blutwurstplatten von den Tellern und bemächtigten sich unserer Tische. Sofort schwärmten sie aus, bereit, unser Leben, unsere Gesundheit, alles, was uns heilig war, mit ihrem grausamen Angriff zu bedrohen. Niemand erwartete von der Blutwurst Schonung. In höchster Not rief ich aus: O Herr! O Herr! O Jammer! O schlimm! Aber niemand erhörte mein Rufen.
Ich habe euch die übelsten Gerichte mal aufgeschrieben, ungefähr so, wie wir sie essen mußten. Damit ihr von der Schädelstätte ein Bild bekommt. Also. Montags gab es Fettläppchen mit Mischgemüse. Ein mittelschlechter Tag, weil die Woche begann und manche Sachen noch frisch waren, theoretisch jedenfalls. Das heißt, sie waren frisch, als sie in der Großküche des Collegiums angeliefert wurden. Aber schon ein paar Stunden später hatten sie sich in den alten Collegiums fraß verwandelt, den wir kannten, als hätten sie neun Tage lang herumgelegen und wären am zehnten ohne Gegenwehr vergammelt.
Die Fettläppchen hießen eigentlich Bonanza-Steaks und waren so groß wie, na ja, ein Päckchen Kaugummi. Ein bißchen breiter vielleicht, aber genauso elastisch. Oh, Boy. Die
Hälfte davon war Schweinefl eisch, das von den Collegiumsschweinen kam. Das Collegium Aureum hatte nämlich seinen eigenen Schweinestall, neben der Werkstatt von Jan Spans. Die andere Hälfte der Fettläppchen war reines Schweinefett. Stellt euch das Ganze paniert vor und schön braun gebraten. Das war die Tarnkappe, damit man nicht sah, wo das Fett begann. Man schnitt in das Fettläppchen und dachte, oh, das muß der Fettstreifen sein, und setzte das Messer woanders an. Aber auch da schnitt man ins Fett. Oh, so viel Fett! dachten die, die das Fettläppchen noch nicht kannten. Und dann schnitten sie links hinein und rechts hinein, dann vorne und schließlich hinten. Und überall schnitten sie in reines Fett, das sich so lang ziehen ließ wie ein großes Zeichenlineal.
Den Rest mache ich kurz. Dienstags kam die Blutwurst. Mittwochs gab’s Frikadellen. Manche sagten, sie bekamen ihre Würze durch die Küchenmädchen. Vor dem Braten nahmen die Küchenmädchen die geformte Frikadelle, legten sie sich in die Achselhöhle und drückten den Arm kurz und kräftig nach unten. Wie die Henne ihre Flügel. Das waren die würzigen Frikadellen, wie sie aus der speziellen Frikadellenpresse der Schädelstätte kamen.
Donnerstags gab’s wieder Fleisch, Rind, glaube ich, jedenfalls dunkler. Es war nicht so elend wie die Fettläppchen, aber trocken, traurig und zäh, als hätten die Rinder große Langeweile
gehabt und wären ohne Hoffnung auf ein Jenseits gestorben. Freitags kamen meistens Fischstäbchen, zu denen hört ihr von mir kein Wort. Manchmal gab es auch Spiegeleier mit Spinat. Ihr werdet sagen, Spiegelei mit Spinat ist nichts Aufregendes, und ich sehe das genauso wie ihr. Spiegelei mit Spinat ist überhaupt nichts Aufregendes. Aber unter widrigen Bedingungen lernt man, die einfachen Dinge zu schätzen.
Robinson Crusoe, auf der Insel der Verzweiflung, mußte ja auch nehmen, was die Natur ihm gab. Seine sonstigen Aussichten waren, entweder vor Mangel zu sterben oder von wilden Tieren zerrissen zu werden. Das sagte er am Anfang immer wieder. Ständig hatte er Angst, wilde Tiere möchten kommen und ihn fressen. Solche Betrachtungen trieben ihm dann Tränen in die Augen, sagte er. Die Lappen, welche er Kleider nannte, konnte man vergessen, sie waren für ihn eine höchst unwichtige Sache. Es war ja auch keiner da, um ihn in seinen alten Lappen zu sehen. Aber in den ersten Jahren auf seiner Insel war er ein ganz einsamer Arsch, und ich vermochte sein Schicksal mit jeder Faser aufzunehmen. Die Unmöglichkeit seiner Rettung schien ihm so augenfällig, daß kein Funke von Hoffnung in seinem Innern zurückblieb.
Ich durfte nur nicht daran denken, daß Robinson Crusoe ganz am Anfang seiner Zeit ein ganzes Schiff ausgeräumt hatte. Das heißt, er war im Vorteil. Erinnert ihr euch daran? Also. Vor der Plünderung des Schiffes hatte Robinson Crusoe nur sein Messer, den Tabak und die Tabakspfeife. Nach der Plünderung zog er mit Brot, Zwieback, Reis, Schnaps, Gouda und getrocknetem Ziegenfl eisch ab. Ungefähr so betrachtete ich Spiegelei und Spinat, als Überlebender. Und ich sprach: Du freundliches Spiegelei! Du gütiger Spinat! Zwar erfüllt mich euer Anblick nicht mit Verlangen, aber ihr kommt annähernd aus der Natur. Ihr werdet mir helfen, meine körperlichen Kräfte auf der Insel der Verzweiflung zu bewahren und meinen Verstand mit Nahrung zu versorgen, damit mich die grauen Wolken des Nihilismus nicht umhüllen. Robinson Crusoe, der euch nicht verschmäht hätte, soll mein Zeuge sein: Auch ich werde euch nicht verschmähen!
So sprach ich.
Aber eigentlich war ich auf den alten Robinson neidisch, wenn ihr’s genau wissen wollt. Nicht nur deswegen, weil er sich das Vergnügen des Rauchens gewährte, wann immer er wollte. Nein, wegen seines Speiseplans. Zum Frühstück aß er eine Weintraube, zu Mittag ein Stück geröstetes Ziegen- oder Schildkrötenfl eisch, und zum Abendbrot begnügte er sich mit zwei oder drei Schildkröteneiern. Am liebsten hätte ich gerufen: Einverstanden, das Menü nehme ich auch! Und dann wäre ich nach draußen gelaufen, um eine Ziege zu schießen oder eine Schildkröte zu fangen. Vom Wochenendfraß auf dem Collegium Aureum will ich fast schweigen, besonders vom wortkargen Nudelsalat, der in einer absolut ungesetzlichen Schmiere ruhte. Nur das müde Graubrot muß ich noch erwähnen, dazu seinen zuverlässigen Partner, die kranke Fleischwurst. Die beiden traten immer als Paar auf. Am müdesten waren die beiden am Sonntag abend, der auch auf meiner Liste der nervtötenden Dinge auftaucht.
Blaß und abgespannt und unterernährt lagen sie auf ihren Tellern, das Graubrot auf dem einen Teller, die Fleischwurst auf dem anderen Teller. Wir wußten, daß sie nicht mehr auf die Beine kommen würden, beide nicht. Sie funkten sich nur noch schwächer werdende Botschaften zu. Manchmal schlug Motte über der Fleischwurst ein Kreuzzeichen, aber nur, wenn Bruder Hermann nicht guckte.
Jetzt habt ihr von der Schädelstätte ein ungefähres Bild.

                                                             * * *

Wir wohnten in einem Dreierzimmer mit Hühnerleiter, Motte, Tilo und ich. Onni wohnte nebenan bei Ralle und Ernie. Auf der anderen Seite war jetzt Lucien.
Wenn wir aus dem Fenster guckten, sahen wir die beiden Tennisplätze. Das Collegium war sehr stolz darauf, daß es diese Tennisplätze hatte. Wißt ihr eigentlich, was die kosten, sagte der Präses. Wir wußten es nicht. Aber es machte Spaß, sich bei trockenem Wetter aus dem Fenster unserer alten Bude zu lehnen und den Spielen zuzugucken. Und auch wenn wir nachmittags etwas anderes taten, hörten wir das Tschacktschack der Schläge, das Rutschen der Schuhe auf der krümeligen Asche, das Geräusch, wenn der Ball gegen die Netzkante
klatschte, und die Scheiße-Rufe.
In unserem Zimmer standen zwei Betten, zwei unten und eins oben, das hatte Motte, weil er seine Privatsphäre braucht. Insgesamt war unser Leben ziemlich langweilig, auch wenn
unsere alte Bude in Ordnung war. Draußen war nicht viel zu machen. Drinnen erst recht nicht. Das Collegium Aureum lag in der Mitte eines großen Nichts, und drumherum lagen Felder.
Kühe mampften ihr Gras. Alle Mädchen, die im Umkreis von zwanzig Kilometern wohnten, hatten sich versteckt, oder die Eltern holten sie von der Straße, wenn wir in die Nähe
kamen. Die Eltern waren meistens Bauern. Also, sie fuhren Kartoffeln und Rüben durch die Gegend und wollten nicht, daß ihre Töchter einen Freund haben.
Lucien erzählte mir, daß es in der Gegend von Versailles auch Bauern gab. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, daß sich die Versailler Bauern so aufführten wie die Collegiumsbauern oder die Bauern in der Gegend von Gleuyn und Hommersum. Einer stellte sich mal mit der Mistgabel an die Hofeinfahrt, damit wir sofort wußten, mit wem wir es zu tun hatten. Ein anderer saß oben auf seinem Traktor und ließ kurz den Motor aufdröhnen. Sie sprachen nicht viel, die niederrheinischen Bauern. Sonntags saßen sie beim Frühschoppen in der Dorfkneipe, hauten mit der flachen Hand auf den Tisch oder klopften sich gegenseitig auf die Schultern. So ungefähr. Manche hatten noch ein Plumpsklo im Freien, eine Bude aus Holz, in der ihnen im Winter der Hintern abfror. Arme Bauern.
Das Collegiumsgelände war insgesamt gar nicht so klein, aber wenn man daran dachte, daß man nicht wegkam, schrumpfte es plötzlich zu einer Insel zusammen, einer winzigen
Insel der Verzweiflung im niederrheinischen Nichts direkt an der holländischen Grenze, ohne Autos, ohne Mädchen, ohne irgend etwas Neues. Auch der graue Himmel darüber war ein großes Nichts. Man konnte um den See latschen, der zum Collegium gehörte, unser altes Baggerloch, und wenn kein Fußball war, taten wir das auch. Aber der See war nur
ein bißchen Wasser, das Ufer jede Menge Lehm und Gras, das war’s schon. Im Zimmer spielten wir manchmal den Magic Blues, der ging so: Wir taten so, als hörten wir gerade eine
irre Musik, aber jeder eine andere, und dann summte und brummte jeder vor sich hin, als würde er seine eigene Musik machen, aber jeder eine andere. Dann wurden wir lauter. Ein
starkes Gitarrensolo gab Extrapunkte. Und wer lauter war als die anderen und auch noch Drums und Piano reinbrachte, hatte gewonnen. Ein blödes Spiel. Die Unmöglichkeit meiner
Rettung schien mir so augenfällig, daß kein Funke von Hoffnung in meinem Innern zurückblieb.

(c) 2006 by Paul Ingendaay
(c) SchirmerGraf Verlag München, 2006